Von Freddie Röckenhaus

Frankfurt, Stuttgart, Dortmund? Oder Stuttgart, Dortmund, Frankfurt? Oder doch Dortmund, Frankfurt, Stuttgart? Was sind schon Teuerungsrate, Lohnquoten und Aufschwung oder Abschwung Ost gegen die Frage nach dieser Rangfolge? Die deutsche Fußball-Meisterschaft wird per Zielphoto entschieden, und mindestens bis zum Samstag nachmittag, 17.15 Uhr, sind die Milliardensummen für die Treuhand Marginalien angesichts der Urgewalt dieser Zahlen: Eintracht Frankfurt 50 : 24 Punkte, VfB Stuttgart 50 : 24 Punkte, Borussia Dortmund 50 : 24 Punkte. Nie war es so dramatisch.

Die Stimmen der Trainer, seit Wochen im Gleichklang: Stepanovic (Frankfurt): „Ei is’ doch klar, werden wir Meister, gell!“ Daum (Stuttgart): „Am 16. Mai werden sie in Frankfurt traurig sein!“ Hitzfeld (Dortmund): „Die anderen halten dem mentalen Druck nicht stand. Wir schaffen es!“ Deutschlands führende Fußballinstitution, der kicker, hat in einem komplizierten Erhebungsverfahren einen hauchdünnen Vorsprung ausgemacht: ausgerechnet für Dortmund, also die Mannschaft mit dem schlechtesten Torverhältnis und den arithmetisch schlechtesten Chancen.

Auch beim Deutschen Fußball-Bund in Frankfurt ist man mit dem Latein am Ende. Jedes Jahr, wenn der letzte Schlußpfiff verhallt, so ist es Brauch, überreicht ein hoher Fußball-Funktionär die Meisterschale an den Deutschen Meister. Das hat immer geklappt. Denn der DFB ist weise. Es gab schon Jahre, da war die Entscheidung knapp und bis zum letzten Samstag offen. Der DFB ließ sich für solche Fälle also eine Kopie des Meisterstücks anfertigen, um zeitgleich in zwei Stadien die Insignien des Triumphs parat zu haben. Doch in diesem Jahr?

Frankfurt spielt bei Hansa Rostock (stark abstiegsgefährdet, muß unbedingt punkten), Stuttgart in Leverkusen (braucht jeden Punkt, um sich für den europäischen Uefa-Wettbewerb zu qualifizieren), Dortmund tritt beim MSV Duisburg an, der wie Rostock gegen den Abstieg kämpft. Wo also hin mit der Original-Schale, wohin mit der Kopie? Und wem soll man den Titel am wenigsten zutrauen?

Der DFB macht es so: Das Original geht am Samstag nach Leverkusen, obwohl der VfB Stuttgart wegen des vermeintlich stärksten Gegners die schlechtesten theoretischen Aussichten hat. Die Kopie reist nach Rostock, obwohl Frankfurt mit dem besten Torverhältnis im Rücken mit einem 1: 0 aus eigener Kraft Meister werden kann. In Duisburg wird für Borussia Dortmund nur ein Meister-Wimpel bereitliegen. Zur Not könnte man das Original binnen dreißig Minuten die paar Kilometer rheinabwärts nach Duisburg bringen. Wie unkompliziert waren da die Zeiten, als der FC Bayern München sein Abo auf den Meistertitel noch nicht gekündigt hatte.

In Dortmund, am Ostrand des Ruhrreviers, fühlt sich die Borussen-Familie zumindest schon als moralischer Meister. „50120 Zuschauer“, quäkte am Samstag beim 3 : 1-Triumph gegen Leverkusen Borussias Stadionsprecher Bruno Knust gönnerhaft angesichts der zum ersten Mal seit Wochen verfehlten „Ausverkauft“-Marke. Einen Tag später wurde der Stadionrasen aus der „Kathedrale deutscher Fußballbegeisterung“ scheibchenweise als Devotionalie verhökert (zugunsten der Multiple-Sklerose-Gesellschaft und des Borussia-Fanprojekts). Und eine neue, natürlich gelbe, Rosensorte im Dortmunder Rosarium vorgestellt, die auf den Namen „Borussia“ hört.