Willkommen in Europa – und zwar lieber morgen als übermorgen! Wenn immer deutsche Außenpolitiker (und nicht nur die) durch Osteuropa reisen, sprechen sie großzügige Einladungen aus. Die einen wollen selbstverständlich die Kandidatur Polens, Ungarns oder der Tschechoslowakei für den baldigen Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft unterstützen, die anderen versichern den baltischen Staaten, daß sie selbstverständlich nicht ausgeschlossen bleiben werden. Ehemaligen Sowjetrepubliken werden Hoffnungen gemacht, Albanien oder den Überresten Jugoslawiens nicht minder.

Großeuropa hat Konjunktur, und da müßte ein kritischer Zeitgenosse eigentlich stutzig werden. Schließlich hat bisher noch niemand verraten, wie er sich eine EG mit zwanzig und mehr Mitgliedern vorstellt. Natürlich sähe sie nach einer Verdoppelung ihrer Mitglieder anders aus als heute. Aber wie? Da halten sich alle lieber bedeckt.

Vielleicht ahnen ja die Zwölf, daß nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch einiges aus dem Lot geriete. Um so hilfreicher wäre es, wenn mancher, der ohne Auftrag mit Europa hausieren geht, erst einmal nachdächte. Wer zum Beispiel im Binnenmarkt mitmachen will, muß fit dafür sein, sonst geht er unter. Das wenigstens sollten wir aus der deutschen Einigung gelernt haben, daß marode Volkswirtschaften kollabieren, wenn sie jeden Schutz verlieren. Ein übereilter EG-Beitritt wäre das sichere Todesurteil.

Natürlich müssen die vom Sozialismus zugrunde gerichteten Volkswirtschaften den Weg zum Markt finden. Doch das wird lange dauern, Menschen reagieren nicht plötzlich kapitalistisch, wenn man sie über Generationen staatlich bevormundet hat. Ein Minimum an Umdenken muß aber stattgefunden haben, bevor die Europäische Gemeinschaft den passenden Rahmen für das Wirtschaften in neuen Formen bieten kann. Andernfalls würde nicht der Abstand zum Wohlstand verringert, sondern das Chaos vergrößert.

Auch das wird geflissentlich übersehen: Wer laut fordert, man dürfe die Armen nicht draußen vor der Tür lassen, der muß sich auch fragen lassen, ob er für deren Beitritt zu zahlen bereit ist. Schon bisher ist die Bereitschaft nicht groß, Solidarität mit den schwächeren Mitgliedern der Gemeinschaft zu üben. Das Gezeter über den in Maastricht beschlossenen Kohäsionsfonds zugunsten Spaniens, Griechenlands, Portugals und Irlands ist so laut, daß man sich schlecht auszumalen vermag, daß sich für bedürftige Neuankömmlinge plötzlich die Portemonnaies öffnen. In Deutschland werden jährlich 150 Milliarden Mark von den alten in die neuen Bundesländer transferiert, die Begeisterung dafür hält sich bekanntlich in Grenzen. Die Vorstellung ist zu schön, daß 340 Millionen EG-Europäer bereit sein könnten, sich in vergleichbarem Maße für die Integration des ehemaligen Ostblocks zu engagieren.

Es mag gute politische Argumente für eine schnelle Aufnahme der Beitrittsaspiranten in die EG geben, wirtschaftlich spricht vieles dagegen. Die Europäer müssen sich auf die Suche nach angemessenen Formen der Assoziierung machen, bevor sie falsche, weil völlig unrealistische Hoffnungen schüren und darüber das in mehr als dreißig Jahren Gewachsene aufs Spiel setzen. EG-Präsident Jacques Delors hat recht: Überstürzte Erweiterung schadet allen. Klaus-Peter Schmid