Von Dietmar H. Lamparter

Der Schlagabtausch ist in vollem Gange: Ein Lohnplus wie im öffentlichen Dienst könne die Metallbranche in der schwierigen Konjunktur keinesfalls verkraften, tönen die Arbeitgeber. Und die Gewerkschaft hält dagegen: Eine Sechs vor dem Komma stecke die westdeutsche Metall- und Elektroindustrie angesichts der in den achtziger Jahren angehäuften Gewinne locker weg.

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall malt ein düsteres Bedrohungsszenario für die Arbeitsplätze an die Wand: Der Maschinenbau habe im vergangenen Jahr schon einen dramatischen Einbruch erlitten, Kurzarbeit und Entlassungen seien dort bereits weit verbreitet. Automobil- und Elektronikkonzerne hätten aufgrund des irren Wettbewerbs bereits Tausende von Arbeitsplätzen auf ihre Streichlisten setzen müssen. Nicht einmal die – üppigen – Tarifabschlüsse der beiden vergangenen Jahre seien von den meisten Unternehmen bislang verkraftet worden. Bei ähnlich hohen Lohnabschlüssen, warnt Gesamtmetall-Präsident Hans-Joachim Gottschol, drohe die derzeitige „Schwächephase der Konjunktur“ in eine „Rezession“ überzugehen.

Die IG Metall verweist auf hellere Töne im Branchenbild: Fahrzeughersteller, Telekommunikation oder Haushaltselektronik melden schließlich auch für 1991 Rekordumsätze. Nicht zuletzt dank Arbeitszeitverkürzung und gestiegener Kaufkraft durch höhere Arbeitnehmereinkommen sei die Beschäftigtenzahl in der westdeutschen Metallbranche seit 1985 kräftig gestiegen.

Beide Seiten haben recht und unrecht zugleich. Je nach Vergleichszeitraum und Perspektive ergeben sich nämlich ganz unterschiedliche Ergebnisse. Rechnen die Arbeitgeber etwa den Zuwachs von über einer halben Million Arbeitsplätzen seit 1984 den Investitionen zugute, die durch die vergleichsweise geringen Lohnsteigerungen Anfang der achtziger Jahre möglich geworden seien, so betonen die Gewerkschafter die Parallelität von überproportionalem Lohnanstieg und steigender Arbeitsplatzzahl seit Mitte der achtziger Jahre.

Die unterschiedlichen Interpretationen waren freilich ziemlich irrelevant, solange die gute Konjunktur den Erfolg ziemlich gleichmäßig auf annähernd 22 000 Betriebe und die gut 4,2 Millionen Arbeitnehmer der Metall- und Elektroindustrie verteilte. Damit konnten in dem seit Mitte der achtziger Jahre anhaltenden Aufschwung mehr als die Hälfte aller Industriebeschäftigten Westdeutschlands und die Arbeitgeber in den insgesamt dreizehn großen Industriezweigen – von der Fahrzeugproduktion über den Maschinenbau und die Elektrotechnik bis hin zur Optik/Feinmechanik – gleichermaßen gut leben. Stetiger Produktivitätszuwachs – im Durchschnitt etwa drei Prozent jährlich – und Preiserhöhungen ließen sogar den Anteil von Löhnen und Gehältern am Umsatz stetig sinken: von 28,3 Prozent 1980 auf 24,5 Prozent 1991.

Selbst im vergangenen Jahr legte die Branche noch mal deutlich zu: Mit 970 Milliarden Mark lagen die Umsätze um 7,5 Prozent (brutto) über dem Vorjahreswert. Trotz aller Unkenrufe der Industrie über Gewinneinbrüche rechnet die IG Metall mit gestiegenen Erträgen für die Gesamtbranche. Erste vorliegende Jahresabschlüsse, so die Statistiker der Gewerkschaft, zeigten ein Gewinnplus von sechs Prozent brutto und gar achtzehn Prozent netto.