Von Richard J. Evans

Englisch ist wohl die einzige europäische Sprache, die für „Geschlecht“ verschiedene Ausdrücke bereithält. So bezeichnet sex die physischen Merkmale des Männlichen oder Weiblichen und gender die grammatikalische Zuordnung von Wörtern als Maskulinum und Femininum. Wenn man die grammatikalischen Bezeichnungen auch auf die Beschreibung der menschlichen Gesellschaft anwendet, kann man im Englischen eine Terminologie entwickeln, die den Charakteristika, welche die Gesellschaft Männern und Frauen zuschreibt, eher einen sozialen als einen biologischen Bestimmungsgrund zuweist. Das ist zu einem schlagkräftigen analytischen Argument für die feministisch inspirierten Autorinnen und Historikerinnen geworden, die behaupten, daß masculinity und femininity im Gegensatz zu maleness und femaleness in der Geschichte unterschiedlich definiert worden und die Begriffe so in der Gegenwart und Zukunft auch immer wieder wandelbar sind.

Es wäre reizvoll, dieser Frage einmal unter dem sprachgeschichtlichen Interpretationsansatz nachzugehen, der gegenwärtig in den Vereinigten Staaten immer mehr Einfluß gewinnt – als klassisches Beispiel dafür, wie Sprache und ihre Strukturen den Möglichkeiten politischen Denkens und Handelns enge Grenzen setzen. Denn zum einen sind in der deutschen Sprache diese Unterscheidungen unmöglich – eine einzige Bezeichnung, Geschlecht, männlich, weiblich – muß für beide Aspekte ausreichen. Und zum anderen ist die gesamte Sprache durchzogen von männlich und weiblich bestimmter Terminologie, welche die Entwicklung eines nichtsexistischen Schreib- und Sprachstils, der sich in England und in den USA langsam durchsetzt, sehr behindert.

Und in der Tat, wie Ute Frevert aus deutscher und Eve Rosenhaft aus britischer Sicht in ihren abschließenden Essays dieser wichtigen Sammlung von Artikeln, die zum größten Teil der britischen Zeitschrift History Workshop entnommen sind, deutlich machen, unterscheidet sich die deutsche Frauenbewegung sowohl historisch als auch aktuell in vielen Punkten von ihrem britischen Pendant. Und das hat wiederum in beiden Ländern zu einer ganz unterschiedlichen Annäherung an die Frauengeschichte geführt. Zur deutschen Entwicklung schreibt Rosenhaft: „Indem die unabhängige, ‚bürgerliche‘ Frauenbewegung vor dem Ersten Weltkrieg die weibliche Besonderheit und das Bestehen getrennter Geschlechterwelten anstelle der formalen Gleichberechtigung betonte, stellte sie die Weichen und warf die Fragen für spätere feministische Bewegungen auf.“ Daher, so folgert sie, „verfolgt die deutsche feministische Geschichtsschreibung, grob gesagt, einen separatistischen Ansatz“. Im Gegensatz dazu sei „die britische Frauengeschichtsschreibung durch das seit dem 19. Jahrhundert bestehende relativ gute Verhältnis von Arbeiterbewegung und Frauenbewegung charakterisiert“.

Während also die feministische Geschichtsschreibung in Deutschland eher das Geschlecht als die entscheidende Kategorie betrachte, tendiere sie in England dazu, „gleichzeitig Geschlecht und Klasse zu berücksichtigen“. Dieser Einschätzung stimmt Ute Frevert zu. Die Tatsache, daß die etablierte männerdominierte Historikerzunft in Großbritannien sozialgeschichtlichen Ansätzen in den sechziger und siebziger Jahren offener gegenüberstand, weniger hierarchisch organisiert und nicht in „Schulen“ gespalten war, machte sie der Geschichte von Frauen gegenüber offener. Eine Sozialgeschichte, die, unter dem Einfluß von Edward P. Thompson und anderen, die Erfahrungsdimension betonte, hatte es leichter, Geschlecht als eine Kategorie zu berücksichtigen, als eine Gesellschaftsgeschichte à la Hans-Ulrich Wehler, die sich auf Klassenstrukturen konzentrierte, die stark von Begriffen des männlichen „Ernährers“ geprägt waren, sowie deren Einfluß auf politisches Handeln und Bewußtsein.

Das heißt natürlich nicht, wie Rosenhaft zugibt, daß es feministische Historikerinnen im britischen akademischen Betrieb besonders leicht hätten. Sally Alexander erinnert sich in ihrem Beitrag daran, wie „es im Ruskin History Workshop 1969 dazu kommen konnte, daß die anwesenden Männer in lautes Gelächter ausbrachen, als einige von uns Frauen eine Arbeitsgruppe für diejenigen unter den Anwesenden verlangten, die an ‚Frauengeschichte‘ Interesse hätten“. Und Eve Rosenhaft hebt hervor – obgleich sie das nicht näher erläutert –, „daß Großbritannien im Bereich der institutionellen Garantien für die Vertretung von Frauen und ihrer Interessen im universitären Bereich weit hinter den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik zurückliegt“.

Die Beiträge zu diesem Band machen gleichwohl deutlich, daß die Frauengeschichte in Deutschland von dem Forschungsansatz der britischen Feministinnen profitieren kann. In einer Reihe von Artikeln erforschen die Autorinnen die Geschichte der „Ladies“ und ihrer Beziehungen zu anderen Frauen, zum Beispiel unter den Krankenschwestern in britischen Militärlazaretten während des Krimkriegs. Oder es wird geschildert, wie eine Frau aus der Oberschicht, Dora Montefiore, um die Jahrhundertwende einen Skandal unter den Sozialisten verursachte, weil sie eine Liebesbeziehung mit einem in Gewerkschaft und Politik aktiven Proletarier hatte, dem Bauarbeiter George Belt. Einige Studien beschäftigen sich mit den vielschichtigen und gespannten Beziehungen zwischen Männern und Frauen am Arbeitsplatz, und zwar nicht nur während der industriellen Revolution, sondern auch in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Deutlich wird, daß Frauen nie – wie einige feministische Historikerinnen uns glauben machen wollen – „bloß Objekte“ waren, die „nichts als Unterdrückung“ erlitten, sondern daß sie oft Formen des Widerstands entwickeln konnten gegenüber klassen- und geschlechtsspezifischer Unterdrückung.