Daimler-Benz scheut keine Kosten, um sich der Weltöffentlichkeit auf dem Erdgipfel, der Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro, als umweltfreundlicher Technologiekonzern zu präsentieren. Diesmal geht es nicht um S-Klasse oder den Jäger 90, sondern um das „Engagement für den Umweltschutz in Amazonien“ und darum, „einen Beitrag dazu zu leisten, die langfristigen Lebensgrundlagen der Menschen dort durch neue ökologische und ökonomische Strukturen zu verbessern“.

Matthias Kleinert, Generalbevollmächtigter für Öffentlichkeitsarbeit und Wirtschaftspolitik des Stuttgarter Multis, ist der Spiritus rector jener neuen Konzern-Philosophie, die Daimler als sozial verantwortlichen global player und grünen Stern herausstellen soll.

Seit einem Jahr wird in der Konzernzentrale an diesem neuen corporate Image gebastelt. Die Führungskräfte wurden darauf eingeschworen, Journalisten und Abgeordnete werden nach Brasilien eingeladen, die „grüne Presse“ soll bearbeitet werden. Auf der internationalen Ausstellung für Umwelttechnologie Ecobrasil ’92, die parallel zum Erdgipfel in São Paulo stattfindet, will Daimler die ganze Bandbreite seines Umweltengagements zeigen – Kanzler Kohls Standbesuch bei Daimler-Benz ist fest eingeplant.

„Kleines Tagesprogramm mit Bootsausflug zum Grillen“, „Zwangloses Zusammensein an der Hotelbar“, „Überflug von Regenwald-Rodungsgebieten zur Besichtigung aus der Luft“, „Stadtrundfahrt mit Ausflug zum Zentrum für indianische Keramik“, „Informationsveranstaltung in der Universität“, „Ausflug zu den Versuchspflanzungen per Schiff, an Bord kaltes Buffet und Getränke“ – Ausschnitte aus einer Luxusreise, zu der Daimler in der vergangenen Woche zwei Dutzend deutsche Journalisten gebeten hatte. In Belem sollten sie die soziale Spielwiese, in Campinas die „saubere Fabrik“ und das alternative Forschungszentrum des Konzerns zu sehen bekommen.

Mit einer Million Dollar engagiert sich Daimler in Amazonien an dem Miniprojekt Armut und Umwelt, „das sich die Erarbeitung und Umsetzung innovativer Entwicklungskonzepte zum Ziel setzt, die vor allem die arme Bevölkerung in die Lage versetzen, ihre Lebensverhältnisse im Einklang mit der Umwelt zu gestalten“. Was sich dahinter verbirgt, konnten die Journalisten allerdings nur erahnen. Zwei Stunden Aufenthalt im Amazonasweiler Ponta de Pedras, die Besichtigung eines vierzig mal vierzig Meter großen Versuchsfeldes, die Bewältigung des Buffets und der Folkloreshow eingeschlossen, reichten kaum aus für tiefere Einsichten.

Der handfestere Teil des Daimler-Projektes zeigte sich in Form eines hölzernen Wasserturmes mit Windrad und Sonnenkollektor. Hygienische Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung sind auch im Regenwald Grundbedürfnisse der Bevölkerung, die ohne Geld schwer zu realisieren sind. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef unterstützt deshalb auch mit 1,5 Millionen Dollar die sanitären Einrichtungen, die Akademiker der Universität von Belem zusammen mit den Dorfbewohnern anlegen. Die Filterpumpe zur Entkeimung des Wassers muß aus Deutschland eingeflogen werden. ~~~~~~~ kostet fünf- bis sechstausend Dollar ~~~~~~~ um einmal flächendeckend eingesetzt werden zu können.

Die von Daimler und Unicef geförderten Entwicklungshelfer wollen „die vom Wanderfeldbau lebenden Kleinbauern in agroforstliche Produzenten verwandeln“. Dieses Kunststück soll durch ‚neue Anbaumethoden gelingen. Statt einer umweltbelastenden Monokultur sollen bis zu zweihundert verschiedene nutzbare Pflanzenarten neben- und übereinander unter dem Blätterdach des Dschungels angebaut werden und dem nährstoffarmen Boden ein Maximum an brauchbarer Biomasse abringen. Ähnliche Versuche werden seit Jahren von Agrarwissenschaftlern in Amazonien unternommen – bei Daimler tut man so, als habe man damit das Ei des Kolumbus gefunden.