Von Fabienne Liner-Boillat

Daß ein Mensch freiwillig jeden Monat auf 800 Schweizer Franken verzichtet! Fast niemand im Viertel dieser Stadt wußte, wieso der verehrte Sekundarlehrer, der sein plötzliches Ansinnen seltsam ungenau begründete, von der Oberstufe in die Primarschule zu wechseln wünschte; nur wenige, die den langen Mann reden hörten, verstanden sehr wohl.

„Kindlers Lexikon der Malerei“ steht im Regal, wohlgeordnet wie immer, „Friedrichs Opernführer von A bis Z“ daneben. Ich frage den Lehrer, wie ich ihn, nachdem wir uns viermal getroffen haben, um über die große Schwierigkeit seines Lebens zu reden, nennen dürfe, damit nicht auskommt, wer er in Wahrheit ist, und der Lehrer zögert lange: Pierre Paul Prud’hon möchte er genannt werden, ich lächle aus Unwissenheit, und er sieht es, dann sagt er: Mindestens Pierre.

Sechs Jahre ist es her, seit Pierre sich zurückstufte, in der Hoffnung, seine Liebe zu Oberschülerinnen vergehe ihm in der Umgebung von Siebenjährigen. Pierre sitzt im Polster, Bein auf Bein, manchmal nagt er an den Fingernägeln. Darf ich? hat er mich beim zweiten Mal gefragt und die wunden Fingerbeeren in die Höhe gestreckt. Ich kann über mich nicht reden, ohne an mir zu nagen. Ich kaue seit meinem zehnten Jahr.

Wenn er überlegt und das Wort, das er für angebracht hält, nicht findet und deshalb in Büchern nachschlägt, legt er den Daumen an die Oberlippe, streichelt sie bis in die Mundwinkel. Er sagt: Am 15. April 1980 erkannte ich meine Pädophilie. Pädophilie, wenn Sie das bitte aufschreiben wollen, ist die Liebe eines Erwachsenen zu vor- bis nachpubertären Kindern. Diese Liebe kann heterosexueller oder homosexueller Natur sein. Pädophilie gilt nach gängiger Moral als Perversion. Ich bin also pervers. Dann öffnet er einen roten Ordner. Lesen Sie, fuhr er fort, lesen Sie bei Fritz Morgenthaler: Jede Gesellschaft produziert Perversionen und die Perversen, die sie braucht. Indem man Perversionen beschreibt, grenzt man sich selber ab und distanziert sich.

Ich nickte, dachte plötzlich an meine Tochter, acht Jahre alt, und fragte: Aber die Opfer?

Opfer! sagte er leise. Ich denke, Sie sind gekommen, um mit einem Täter zu reden, einem Scheusal und Sauhund, einem Kinderschänder und Dreckschwanz.