Vorbei sind die Tage, da der amerikanischen Küche außer Hamburgern und Hot dogs wenig einfiel. Da man im Restaurant brutal vor die Wahl Steak oder Lobster gestellt wurde, oder gar beides, friedlich vereint, als „Surf ’n’-Turf“ auf dem Teller vorfand. Vorbei ist auch die Ära, da man ebenso farb- wie geschmacklosen Yankee-Fraß wie „Chicken à la King“ serviert bekam, die Ketchupflasche immer in Reichweite, um das bläßliche Mahl mit einem Farbklecks zu überziehen.

Eine stille Revolution auf amerikanischen Supermarktregalen droht nun, aus dem guten alten Ketchup eine bedrohte Art zu machen. Die Salsa (spanisch: Sauce), eine explosiv-scharfe Mischung aus rohen Chili-Peppers, hat das Ketchup von Platz Nummer eins unter den Küchengewürzen verdrängt. Die Salsa-Verkäufe, so meldete kürzlich die New York Times, liegen inzwischen um vierzig Millionen Dollar höher als die des good old-fashioned Ketchup.

Schon äußerlich sind die beiden Geschmacksverbesserer sich so unähnlich wie feindliche Schwestern. Während das Ketchup, eine dicklichsüßliche Masse, sich nur zögernd aus der Flasche löst, eilt die scharfe, dünne Salsa flugs wie Saft aus der Flasche. Das Tomatengebräu ist garantiert rot und überzieht alle Speisen mit dem gleichen, süßlich schweren Tomatengeschmack. Die Salsa dagegen kommt temperamentvoll und variabel daher: Mal rot, mal grün, mal mehr, mal weniger picante, und für jedes Gericht – ob Taco oder Enchilada – gibt es eine andere Variante. Während Ketchup vor allem auf Gebratenes gegossen wird und sich damit als Begleiter für schwere nordeuropäische Speisen anbietet, dient die Salsa vor allem als Geschmackskitzler für die exotischen Speisen Lateinamerikas, für Mexikos Tacos, das Ceviche aus Peru und als Marinade für Fisch und Fleisch.

Natürlich kann man den Salsa-Vorstoß mit einem grummelnden „Na und?“ kommentieren. Aber man kann darin auch, wie manche Amerikaner, den Untergang des Abendlandes sehen – eine Attacke auf die gooa ol’-fashioned values of Mom and apple pie. Schön hört die New York Times „das Totenglöckchen für die Art des Kochens, wie sie in Amerika bislang praktiziert wurde“, bimmeln – eine Küche, die den geschmack- und würzlosen Gerichten der Britischen Inseln nacheiferte.

Klar ist, daß der Salsa-Sieg nicht bloß ein kulinarisches, sondern auch ein politisches Ereignis ist. Der Triumph des Exotischen über die Anglo-Monotonie ist gleichzeitig auch ein Symbol für den Triumph der Latinos in den USA: Obwohl man sie immer wieder zurückdrängt, schwärmen sie doch aus Mexiko und der Karibik in immer größeren Zahlen in die USA und stellen inzwischen die am schnellsten wachsende Minorität des Landes dar. Nach Schulen und Universitäten wird nun auch der Supermarkt multikulturell.

Doch die Salsa liegt nicht nur den Neueinwanderern aus dem Süden auf der Zunge. Food analysts und die Zunft der Ernährungsanthropologen (nutritional anthropologists) ermittelten nämlich, daß es gar nicht ausschließlich Latinos sind, die die scharfe Sauce auf ihre Tacos spritzen. Vielmehr haben sich immer mehr Anglos in Amerika von der Steak-Diät ihrer Vorfahren verabschiedet und sich in die heiße Flasche aus dem Süden verliebt. „Der Geschmack von Salsa“, verkündet der Präsident von Packaged Facts, einer Lebensmittelanalyse-Firma in New York, „ist inzwischen so alltäglich wie apple pie.“

Nicht zuletzt aus Gesundheitsgründen. Denn die Maismehl- und Fischgerichte, der Reis und die Gemüse, die sich mit Salsa anrichten lassen, haben nun mal weniger Cholesterin als der Hamburger und das dicke Steak, die ständigen Begleiter des Ketchups. Schon haben sich mexikanische Gerichte bei McDonald’s eingeschlichen, und auch die uramerikanische Suppenfirma Campbell bietet inzwischen unter dem Etikett „New American Cuisine“ Mexikanisches und Asiatisches an.