Von Helmut Schmidt

Wer heute unser Land von außen betrachtet, den befallen Zweifel am bisherigen Deutschlandbild. Daneben aber gibt es auch Genugtuung und Schadenfreude.

Das Ausbleiben deutscher Kapitalexporte und die Hochzinspolitik der Bundesbank bedeuten bei noch keineswegs überwundener Weltrezession eine doppelte Kalamität für das Ausland. In tiefer Irritation über unsere Streiks meint man, das Ende der deutschen Sozialpartnerschaft sei abzusehen. Ist sie wirklich am Ende? Immerhin schafft der Metallabschluß erst einmal Erleichterung.

Tatsächlich sind die westdeutschen Arbeitnehmereinkommen schon lange hinter der allgemeinen Entwicklung zurückgeblieben. Ihr Anteil am Volkseinkommen hatte 1980 noch 71,6 Prozent betragen; 1990 betrug er gerade noch 65,4 Prozent. Zwar sind die Bruttolöhne und Bruttogehälter erheblich gestiegen. Aber die gleichfalls stark gestiegenen Steuern und Sozialversicherungsbeiträge sowie die Inflationsraten haben den größten Teil dieses Zuwachses wieder aufgefressen.

Die monatlichen Löhne und Gehälter betrugen netto und real (Kaufkraft des Jahres 1970 zugrunde gelegt) im Jahre 1980 durchschnittlich 1089 Mark. Fünf Jahre später waren sie auf 1032 Mark gefallen; im Jahre 1990 lagen sie schließlich bei 1165 Mark. In einem Jahrzehnt ist also die Kaufkraft der Arbeitnehmer um sieben Prozent gestiegen – gewiß nicht üppig. Aber nach der Vereinigung wurde durch höheren Preisanstieg und durch höhere Steuer- und Abgabenbelastung der Bruttoeinkommen der 1990 erreichte Status der Arbeitnehmer wieder stark reduziert.

Auch wenn man die weiter verkürzte Jahres- und Lebensarbeitszeit und den Anstieg der Sozialleistungen ins Kalkül einbezieht, so kann von einem angemessenen Anteil der Durchschnittsverdiener am realen Wachstum des Sozialproduktes keine Rede sein. Wer 1982 mit dem Anteil der kleinen Leute unzufrieden war und deshalb zum Sturz der sozialliberalen Regierung beigetragen hat, der hat mit Zitronen gehandelt. Wer umgekehrt endlich den Anteil der großen Leute wieder erhöhen wollte, der hat sich durchgesetzt. Dieser politisch gewollte Trend kann nicht durch Arbeitskämpfe um einen Prozentbruchteil des Nominallohnes wieder korrigiert werden – schon gar nicht im zweiten Jahr nach der Vereinigung Deutschlands.

Von 1949 bis 1990 haben unsere Gewerkschaften durch ihre weithin verwirklichten Forderungen auf unsere Industrie einen Zwang zu stetiger Innovation ausgeübt. Ohne diesen Druck hätten wir weder unsere hohe internationale Wettbewerbsfähigkeit noch unseren hohen Lebensstandard erreicht. Das ewige Gejammer der Wortführer bei den Arbeitgebern, von Fritz Berg über Sohl bis zu Graf Lambsdorff, wegen angeblich wettbewerbsunfähiger Lohnstückkosten und angeblicher Gefährdung des Produktionsstandortes BRD hat sich – bis zur deutschen Vereinigung – immer als abwegig erwiesen.