Von Hellmut Becker

Die Zahl derer, die Adolf Reichwein in der Wissenschaft und in seiner Arbeit mit Kindern erlebt haben, wird immer kleiner, die politische Erfahrung im Nationalsozialismus liegt immer weiter zurück. Um so wichtiger wird die Frage, wie man das Lebensbild dieses Erziehers und Politikers einem breiteren Menschenkreis vermitteln kann.

Nach 1945 war es naheliegend, vor allem Reichweins hinterlassene Schriften zu veröffentlichen. Das ist inzwischen geschehen, wobei man ganz spezifische Schwierigkeiten in Kauf nehmen mußte. Das großartige Buch „Das schaffende Schulvolk“, das ein pädagogischer Klassiker geworden ist, bedarf, um heute verstanden zu werden, der Erläuterung. Es ist im Vokabular seiner Zeit geschrieben, und dies ist für den heutigen Leser nicht selten irritierend. Es gibt außerdem eine Reihe von Skizzen über das Leben Reichweins, teils von seinem Freund Hans Bohnenkamp, teils auch von seinem Sohn und von dem Marionettenkünstler Harro Siegel wie von verschiedenen anderen Autoren. Es gibt eine zusammenfassende Veröffentlichung seiner pädagogischen Schriften, aber auch einen Band „Erlebnisbild aus Briefen und Dokumenten“, in dem aufregende Briefe an seinen Vater, seine Frau und an Freunde zu finden sind und aus denen man die ruhige Sicherheit erfährt, mit der dieser lebensvolle Mensch in den von Hitler verfügten Tod ging:

Es ist kein Zufall, daß die erste Biographie über Adolf Reichwein erst 1958 geschrieben wurde, und zwar von einem Engländer, der Reichwein nicht gekannt hat, dem aber der heroische Lebenslauf dieses Mannes sozusagen die Feder in die Hand gelegt hat. Es war dankenswert, daß jemand den Versuch unternahm, die vielen Details dieses Lebens wenigstens andeutungsweise zusammenzubringen. Diese Biographie konnte allerdings nur eine erste Annäherung sein, für die die Fremdheit von James L. Henderson den deutschen Verhältnissen gegenüber eher ein Vorteil war. Jetzt ist eine große Biographie erschienen, die aufgrund der vielfältigen wissenschaftlichen Vorarbeiten der Reichwein-Forschung eine solide Basis hat.

Ihrem Verfasser, Ullrich Amlung, ist das Kunststück gelungen, den politischen Charakter von Reichweins Arbeit ebenso herauszuarbeiten wie die sachliche Leistung im einzelnen. In der Weimarer Zeit beobachtet man, wie er als persönlicher Referent des parteilosen Kultusministers Carl Heinrich Becker auch auf dem Instrumentarium der Parteipolitik zu spielen verstand und wie er in den politisch so spannungsreichen Jahren 1929/30 den Minister darin beriet, das Gedankengut der Jugendbewegung personell wie auch inhaltlich in die neue Lehrerbildung zu integrieren. Reichwein trat 1932 in die SPD ein, deren Bürokratie ihn vorher abgeschreckt hatte, während er nun die bereits verlorene Sache retten wollte. 1933 zog er dem Ruf an die Emigranten-Hochschule in Istanbul die Tätigkeit an einer einklassigen Volksschule in Tiefensee in der Mark Brandenburg vor.

Wir wissen heute immer noch zuwenig über die Methoden des Widerstands in totalitären Diktaturen. Amlung zeigt uns an Reichweins Leben, wie Widerstand möglich wurde, weil er gedeckt war durch Mitwirkung in einigermaßen gesicherten Institutionen – in Reichweins letzten Jahren durch das Museum für Deutsche Volkskunde. In Amlungs Buch ist nachzulesen, wie Reichwein diese Tätigkeiten mit dem Widerstand zu verbinden verstand.

Ich erinnere mich deutlich, daß ich mich bei Reichweins Besuch im Sommer 1944 oft gefragt habe, wie er dieses Leben in vollem Bewußtsein der ständigen Gefährdung aushielt. Eine Biographie Reichweins könnte leicht in Heldenpathos verfallen. Die Sachlichkeit der Darstellung Amlungs hat das glücklicherweise verhindert. So wird das Leben, das faktisch am Rande des Todes stattfand, nüchtern und auch nicht ohne den Reichwein eigenen Humor geschildert.