Happy-Ends sind selten – besonders für amnesty international. Die Arbeit der Menschenrechtsorganisation besteht aus dem zähen Kampf gegen Regierungen, die Menschen foltern, vergewaltigen oder verschwinden lassen. Gute Nachrichten sind da dünn gesät.

An Gleis 3 des Hauptbahnhofs in Pforzheim wartet an einem windigen Apriltag 1992 eine kleine Gruppe auf den Zug aus Paris. Zwei Ehepaare, ein junger Mann, zwei aufgeregte Kinder mit Rosensträußen. Auf diesen Augenblick hoffte die Lehrerin Hanne Hecht-Winkler mehr als siebzehn Jahre. Die Gruppe von amnesty international kennt den Langersehnten nur von Bildern aus dem Staatsgefängnis von Kenitra in Marokko. Sie zeigen einen bärtigen jungen Mann in einer weißgekalkten winzigen Zelle: Mohamed Srifi.

1974 wurde der Literaturstudent Srifi verhaftet. Er ist Mitglied einer verbotenen marxistischen Gruppe, die Reformen im Königreich Marokko fordert. König Hassan II., seit 1961 absolutistischer Herrscher über das nordafrikanische Land, geht hart gegen die Studenten vor. Hunderte verschwinden in Polizeigewahrsam, einige sterben.

Mohamed Srifi ist über ein Jahr lang völlig von der Außenwelt abgeriegelt. Die Isolation geht so weit, daß er ständig eine Augenbinde tragen muß: „Ein Jahr, zwei Monate und fünf Tage lang“, hat er gezählt. Jeden Tag wird er zum Verhör geholt, bekommt Elektroschocks und immer wieder Schläge gegen die Fußsohlen.

Mehr als zwei Jahre vergehen, bis er erstmals vor ein Gericht gestellt wird. Die Richter in Casablanca verurteilen Srifi zusammen mit über hundert anderen Angeklagten wegen Mitgliedschaft in einer verbotenen Organisation und Verschwörung gegen den Staat. Srifi bekommt 32 Jahre Haft. Die Angeklagten, notierte der Beobachter von amnesty international, hätten keine Möglichkeit gehabt, sich zu verteidigen. Sie durften nur mit Ja oder Nein antworten, Aussagen über Folterungen waren tabu. „Es gab keine Hinweise oder Beweise, daß die Angeklagten Gewalt befürwortet oder angewandt hätten.“

Nun beschließt amnesty, sich für die Freilassung der Verurteilten einzusetzen, sie werden „adoptiert“, wie es intern heißt. In Pforzheim, über 2000 Kilometer von Casablanca entfernt, übernimmt die kleine amnesty-Ortsgruppe der Fall Srifi. Im Keller des Martin-Luther-Hauses bereiten die fünfzehn Schüler, Studenten, Lehrer und Angestellten ihre Aktion vor. Auf eine lebensgroße Pappfigur kleben sie das Bild des Gefangenen und stellen es in der Fußgängerzone aus, sie verteilen Flugblätter, sammeln Unterschriften, die seine Freilassung fordern. Sie schicken Petitionen an die marokkanische Regierung mit Kopien für die Botschaft in Bonn. Und pünktlich zum Geburtstag bekommt König Hassan viele tausend Glückwunschkarten aus Deutschland, mit seinem Konterfei und der Bitte, Mohamed Srifi freizulassen. Geschickt nutzt die Organisation die Erfahrung, daß sich selbst das blutrünstigste Regime gern ein demokratisches Mäntelchen umhängt, um von der Staatengemeinschaft akzeptiert zu werden. Kein Terrorregime schätzt Negativschlagzeilen über Scheinprozesse und Folter, denn die schlagen sich auf die Wirtschaftsbeziehungen nieder. Die Pforzheimer versenden Schriften über die Menschenrechtspraxis in Marokko – Titel: „Urlaubsland mit Schattenseiten“ an deutsche Reisebüros. Rückenstärkung finden sie bei prominenten Politikern wie Hans-Jürgen Wischnewski von der SPD und FDP-Minister Jürgen Möllemann. 1989, nach fünfzehn Jahren Haft, ist Srifi „Gefangener des Monats“; die weltweite Briefaktion ist eines der schlagkräftigsten Instrumente von amnesty international.

Doch alle Appelle prallen an Hassan ab. Die Begeisterung in Pforzheim schrumpft. Ohne den persönlichen Kontakt zu ihren Gefangenen, glaubt Sprecherin Hedwig Seyfried, hätte mancher längst kapituliert. Ohne den persönlichen Kontakt zu Pforzheim hätte auch der Gefangene aufgegeben. Er sagt heute: „Wenn man zu 32 Jahren verurteilt wird, denkt man, das ist das Ende, doch dann kommt ein Brief von amnesty – das ist wie die Erweckung zum Leben!“