Von Willi Winkler

Es war einmal vor langer Zeit ein junger Mann, der lag im Schützengraben und verteidigte sein Vaterland, es hieß Österreich, gegen den bösen Feind, das war Italien. Doch wenn der junge Mann des Kämpfens müde wurde, zog er sich zurück und schrieb weiter an einem Prosagedicht mit dem Titel „Tractatus logico-philosophicus“. Als er damit fertig war, schickte er es seinem Lehrer Bertrand Russell in Cambridge, und der nahm das Gedicht, das mit den Worten „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ begann, als Doktorarbeit an. Und der junge Mann, er hieß Ludwig Wittgenstein, wurde Fellow der ehrwürdigen Universität im fernen England.

Viele Jahre später, der junge Mann war längst gestorben, erinnerte man sich im fernen Cambridge dieses berühmten ersten Satzes. Weil die Welt nun einmal ist, wie sie ist, sollten im Jahr 1992 ein Molekularbiologe, ein Historiker, ein Genetiker, ein Mediziner, eine Schriftstellerin, eine ehemalige Ballerina, ein Pianist sowie ein Philosoph zu Doctores honoris causa gemacht werden.

Die Wahl der sieben anderen Fellows erregte weiter kein Aufsehen, nur der Philosoph vermochte zu irritieren. Als am 21. März dieses Jahres in der großen Versammlung der Name des künftigen Ehrendoktors fiel, erhoben sich vier Professoren und riefen: „Non placet.“ Er mißfiel den Herren also, jener M. Jacques Derrida, Directeur d’Etudes, Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris. Ein „Scharlatan“ sei er, ein „Schaumschläger“; eine akademische Ehrung durch die Universität Cambridge käme dem Versuch gleich, „den Brandstifter für die Brandbekämpfung zu rekrutieren“.

M. Derrida, bei der Konkurrenz in Oxford ein gerngesehener und hochbezahlter Gastredner, Ehrendoktor der Universität Essex, hatte den gelahrten Herren zu Cambridge eindeutig zuviel geschrieben (die Angaben schwanken zwischen 35 und 60 Büchern), er betreibt seine Disziplin also nicht mit dem gebotenen Ernst. Bereits in den fünfziger Jahren hielt sich der in Algerien geborene Philosoph? Autor? Literat? in den USA auf, verfügt über eine ständige Gastprofessur im kalifornischen Irvine, an der Ostküste hören selbst die Flöhe auf sein Husten – so einer ist hochverdächtig an einer Universität, die sich einer langen rabulistischen Tradition rühmt, in die auch ein Lehrkörper gehörte, der sein Leben dem Nachweis der These widmete, daß die Queen sich keine Rennpferde halten dürfe.

Der Lehrkörper als Hohlkörper, das sollte den Herren (und sehr wenigen Damen) Akademikern an Derrida eigentlich zusagen. Schließlich trägt er seine Thesen (hat er eigentlich welche?) keineswegs mit der den Franzosen nachgerühmten clarté vor, sondern müht sich redlich um vieldeutiges Dunkel. „Fiat nox!“ hat Klaus Laermann diese Sportart in der ZEIT beschrieben.

Derrida, heute 62, der einflußreichste französische Export-Philosoph seit Sartre, ist ein polyglottes Genie in den Zungen der Philosophie. Hegels „Setzung“ ist ihm ebenso geläufig wie die chemische Feinanalyse des Schierlingsbechers, mit dem sich Sokrates ums Leben bringen mußte. Sätze wie „Die Strukturalität der Struktur mußte anfangen, Gedanke zu werden“ perlen ihm im gleichen Eifer von den Lippen, mit dem ihn seine Jünger beweihräuchern. An amerikanischen Universitäten werden Gedichte auf den Meister geschrieben; ohne Derridas rhapsodische Weisheiten wird kein Aufsatz über „Narratives Erzählen von Verlust und Begehren im Diskurs der Country-Musik“ mehr zum Druck befördert. Seine Variation des Themas von Wittgenstein heißt „Die Welt ist alles, was der Fall ist, aber können wir von ‚Welt‘ und von ‚Fall‘ sprechen, und weiter: Können wir überhaupt ,sprechen‘?“, und damit zieht M. Derrida alle Gewißheit in freiflottierenden Zweifel.