Von Ralf Neubauer

Anfang Mai geriet die Treuhandanstalt wieder einmal zwischen alle Fronten. Siemens-Chef Karlheinz Kaske holte in seiner Funktion als Vorsitzender des Zentralverbandes der Elektroindustrie (ZVEI) ebenso zum großen Rundumschlag aus wie DGB-Vorstandsmitglied Michael Geuenich. Dem einen geht die Privatisierung im Osten viel zu langsam. Es bestehe, so Kaske, die Gefahr, daß die Treuhand auf einem großen Rest unverkäuflicher Unternehmen sitzenbleibe und sich so auf Dauer ein riesiger Staatskonzern etabliere. Dem anderen drückt die Berliner Anstalt zu sehr aufs Verkaufstempo: „Durch die einseitige Privatisierung kippt der Industriestandort Ostdeutschland ab“, befürchtet Geuenich. Und: „Eine komplette Neuorientierung der Treuhandanstalt ist notwendig.“

Nach wie vor können es Birgit Breuel und ihre Mitarbeiter keinem der Kritiker auch nur halbwegs recht machen. Dabei kann die Treuhand-Präsidentin beiden – Gewerkschaften wie westdeutscher Wirtschaftslobby – durchaus Argumente entgegenhalten.

Zum Beispiel die bisherige Privatisierungsbilanz. Monat für Monat verkaufen Zentrale und Außenstellen der Anstalt immer noch Hunderte von Firmen. Allein im vergangenen März fanden mehr als 500 Staatsunternehmen einen neuen Eigentümer. Der Ausgangsbestand von 8000 ehemals volkseigenen Betrieben, der durch Zerschlagung der großen Kombinate zwischenzeitlich auf fast 12 000 Firmen wuchs, ist erheblich abgeschmolzen. Derzeit steuert die Treuhand noch knapp 4800 aktive Unternehmen; weitere 1350 Betriebe befinden sich in der Abwicklung. „Wenn wir das Privatisierungstempo halten können“, sagt Birgit Breuel, „haben wir am Jahresende die Verantwortung für weniger als 2500 Firmen. Damit dürften wir bereits 1993 unsere Aufgabe, alle überlebensfähigen Unternehmen an private Eigentümer zu übertragen, bis auf Ausnahmen erfüllt haben.“

Während Karlheinz Kaske diesen Optimismus nicht teilt, fühlt sich DGB-Mann Geuenich durch die Breuelsche Euphorie nur in seinen schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Sein Motto: „Die Treuhand muß endlich aktiv sanieren.“ Doch die Anstalt hat längst damit begonnen, ihre Ladenhüter auf dem Weg zur vollen Wettbewerbsfähigkeit massiv zu unterstützen. Insgeheim wird nämlich im Hause Breuel sehr wohl damit gerechnet, daß man auf einer nicht unbedeutenden Zahl unverkäuflicher Unternehmen sitzenbleibt. Sorgen bereiten vor allem die etwa 900 großen und mittleren Firmen, die bislang ohne klare Perspektive vor sich hin dümpelten. Sie wurden zwar von den horrenden Altschulden weitgehend befreit und zudem mit verbürgten Liquiditätskrediten über Wasser gehalten. Zur bereits vom ermordeten Treuhand-Chef Detlev Rohwedder propagierten „entschlossenen Sanierung“ waren die Berliner aber bisher nicht in der Lage. Bestätigte Unternehmenskonzepte und Bilanzen liegen erst seit wenigen Monaten vor. Vor allem fehlte und fehlt der Anstalt ein Stab von erfahrenen Managern, der eine derart große Zahl von Betrieben betreuen kann.

Dennoch will Breuel-Vize Hero Brahms nun mit der entschlossenen Sanierung loslegen: „Jetzt beginnt die Feinarbeit“, sagt der ehemalige Hoesch-Manager. An seinem Modell hat Brahms mehr als vier Monate gefeilt. Unter dem Dach sogenannter „Management Kommanditgesellschaften“ sollen künftig jeweils zehn besonders problematische Treuhand-Firmen wirtschaftlich auf Kurs gebracht werden. Diese Unternehmen beschäftigen in der Regel 500 bis 1500 Mitarbeiter und kommen aus den unterschiedlichsten Branchen. Gemeinsam bilden sie zwar kleine Konzerne, Vorteile der Kooperation im Konzernverbund – sogenannte Synergien – können die Unternehmen aber wegen ihrer kunterbunten Zusammensetzung nicht nutzen: „Im Vordergrund muß die Sanierungsarbeit an weitgehend eigenständigen Unternehmenseinheiten stehen und nicht die Suche nach vermeintlichen Synergien. Es darf und kann nicht das Ziel der Management KG sein, die alte Kombinatspolitik neu aufzulegen. Das würde die spätere Privatisierung nur erschweren“, erläutert der Treuhand-Vize sein Konzept.

Tatsächlich gleichen die ersten beiden Sanierungsgesellschaften, die Brahms bald ins Leben rufen will, eher Gemischtwarenläden. In der Management KG, die Ex-Conti-Chef Horst Urban künftig leiten wird, ist zum Beispiel ein Hersteller von Pumpen ebenso vertreten wie zwei Baufirmen, ein Anlagenbauer für die Chemie-Industrie oder ein Produzent von Schiffsdieselmotoren. Eine Reihe von Gemeinsamkeiten haben die zehn Firmen aber doch: Sie machen durchweg hohe Verluste, schleppen immer noch viel zuviel Personal durch, haben massive Absatzprobleme und wären mithin ohne Unterstützung der Treuhand schnell am Ende. Horst Urban und Horst Plaschna, der Chef der zweiten Management KG, sind daher um ihren Job nicht zu beneiden. Dem Ruf der Treuhand sind sie dennoch ohne viel Zögern gefolgt: „Das ist zwar eine unglaublich schwere, aber auch einmalige Aufgabe“, erklären die beiden Sanierer.