Von Friedrich-Karl Praetorius

Ist man eigentlich gegen herabfallende Kokosnüsse versichert?“ Wir waren in Bali eben erst angekommen. „Und wer“, entgegnete meine Frau, „kommt dafür auf, wenn du unentwegt in Opfergaben trittst?“ Mein Blick, eben noch skeptisch nach oben gerichtet, senkte sich zu Boden. Ich war in eine Gottheit getreten.

Jeder Tourist, der irgendwo auf der Welt ankommt, stellt sich zunächst drei Fragen: Ist es hier schön? Wo kann ich übernachten? Wo gibt es Bier? Die Blickrichtung ist horizontal. Selten schaut man nach oben, noch seltener nach unten.

Auf dem Boden aber, in den Mulden des Lehmwegs, auf Kantsteinen und an Kreuzungen, zwischen Hundekot und Hauseingängen, ist Bali en miniature. Kleine Opferschälchen aus Bananenblättern, ein paar Reiskörner darauf, ein Räucherstäbchen, viel Orange, etwas Gelb, auch Violett und Dunkelbraun.

Wer genau hinsieht, kann Bali entziffern: herabschwingende Reisfelder, das hauchzarte Grün der Setzlinge und das Ocker der Hindutempel. Nichts ist bei diesem Arrangement dem Zufall überlassen. Die Anordnung wirkt zufällig und doch wie bewußt ungeordnet; es scheint, als folgte sie wie die Reisterrassen dem Lauf der Berghänge und ihre Bewässerung den Strömen der Quellen.

Die Winzigkeiten, die die Opferschälchen bergen, sind voller Zeichen. Sie sollen Dämonen fernhalten, Rangda beispielsweise, die Hexenfürstin und ihre Gehilfinnen, die Leyak, die ihre böse Kraft des Nachts entfalten.

Geweihte Reiskörner, die auf vielen Frontscheiben der Bemos, der Gemeinschaftstaxis, zu finden sind, können Leben retten. Der Fahrer des Bemos selbst tankt an kleinen Tempeln neue Kraft, während sein Gefährt, oft ungetankt, mit Schiwas Hilfe ins Ziel einrollt. Und hier will ich gegen herabfallende Kokosnüsse versichert sein?