Von Hansjakob Stehle

Kaum zwei Wochen nach dem Überfall auf Polen war Warschau von den Armeen Hitlers umzingelt. Millionen Deutsche jubelten, doch es gab Bürger des Deutschen Reiches, deren Ohren beim Klang der Siegesfanfaren weh taten. Und die Geheime Staatspolizei der oberschlesischen Stadt Oppeln meldete es nicht etwa empört, sondern befriedigt am 13. September 1939 in einem vertraulichen Schreiben an ihre Zentrale in Berlin:

„Die polnische Minderheit ist durch die deutschen Erfolge in Polen völlig demoralisiert ... Unter diesen Voraussetzungen besteht die Gelegenheit, der Minderheit Schläge zu versetzen, die sie nicht mehr übersteht. ... Die Funktionäre sind inzwischen verhaftet worden ... Die polnische Sprache, die in großen Teilen der oberschlesischen Bevölkerung auf dem Lande noch Umgangssprache ist, kann nicht etwa durch Polizeiverordnung verboten werden. Andererseits wird auch hier mit scharfen Mitteln vorgegangen werden müssen. Ein großer Erfolg auf diesem Gebiet war die Abschaffung polnischer Gottesdienste.“

Das bekam auch ein siebenjähriger Junge namens Alfons Nossol zu spüren, der 1939 gerade zur Schule gekommen war: Geboren wurde er in einem Dorf südlich von Oppeln, das auf deutsch Broschütz, auf polnisch Brozec heißt, doch damals in „Schobersfelde“ umbenannt wurde. „Wir waren einfach zweisprachig“, sagt Nossol, der heute Bischof der seit 1972 bestehenden polnischen Diözese Opole (Oppeln) ist. Sein Vater, beim Kohlebergbau in Beuthen beschäftigt, war von den nationalsozialistischen Behörden unter Druck gesetzt worden: Er müsse seinen Namen in „Neumann“ umändern, denn „Nossol“ bedeute auf polnisch „Nase“ und „Salz“ (nos–sól).

Der Aufschrei der Familie war kein nationaler: „Wie soll ich denn als Frau Neumann auf dem Friedhof vor den Nossol-Gräbern stehen?!“ klagte die Mama. Den rettenden Einfall hatte der Ortspfarrer. Schriftlich bescheinigte er der Behörde, daß der Name lateinischen Ursprungs sei: Nos heißt „wir“ und sol „die Sonne“. Ein Jahrzehnt später waren es dann die kommunistischen Polen in Lublin, denen der Name des Theologiestudenten Nossol „wegen des doppelten s“ verdächtig deutsch vorkam: Grund genug, ihm den Reisepaß zu verweigern – bis er darauf hinwies, daß auch der Name des Sowjetmarschalls und polnischen Verteidigungsministers Rokossowski so geschrieben werde.

All dies war nicht nur grotesker Auswuchs, sondern fast zwanghafte Begleiterscheinung jener schlesischen Germanisierungs- und Polonisierungstragödien, die – auch im Zeichen von Flucht und Vertreibung, Um- und Aussiedlung – mehrere Generationen heimgesucht und deutsch-polnische Nachbarschaft vergiftet haben. Dabei könnte gerade dieses Oberschlesien, in dem polnische Piastenfürsten, habsburgische Kaiser und preußische Könige ihre historischen Spuren hinterließen, Brücken bilden und verkrampftes Nationalgefühl lockern.

„Wir Schlesier hatten fast nie ein Vaterland, nur die Heimat“, sagt Alfons Nossol. Über dem Tisch des polnischen Bischofs hängt das Portrait eines deutschen Kirchenfürsten, des Breslauer Kardinalerzbischofs Adolf Johannes Bertram (1859-1945), der Anfang November letzten Jahres, erst 46 Jahre nach seinem Tod, im Breslauer Dom bestattet und von polnischen wie deutschen Bischöfen mit einer lateinischen Messe geehrt wurde. „Du hast uns gefehlt hier in Wroclaw!“ rief der heutige polnische Oberhirte der Stadt.