Von Hans Schueler

Der alte Mann wirkt nicht geistesabwesend, nur gelangweilt und desinteressiert an dem, was um ihn vorgeht. Keine Miene rührt sich in seinem von langer Haft wachsbleichen Gesicht. Die Haut ist über Stirn und Wangen straff gespannt. Um den Mund mit der hochgeschobenen Unterlippe liegt ein Zug von Verachtung. Elf Monate lang hatte er zumeist geschwiegen und, wenn er sprach, mit gleichmütiger Stimme die unsäglichen Verbrechen geleugnet, die ihm vorgeworfen wurden. Noch kurz vor Prozeßende starb vor seinen Augen einer der letzten Zeugen, ehe er seine Aussage beenden konnte.

Im Schlußwort sagte Josef Schwammberger dann, was keiner mehr von ihm erwartet hatte: „Ich bedaure sehr, was passiert ist.“ Und er hat hinzugefügt: „Das Schicksal der Opfer tut mir leid.“ Mit diesen beiden Sätzen hat er die für ihn höchstmögliche Annäherung zu seinen Taten umschrieben und ist zugleich auf die äußerst mögliche Distanz zu ihnen gegangen. Denn er konnte, nach 62 Verhandlungstagen vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Stuttgart und nach der Gegenüberstellung mit 40 Tatzeugen, nicht länger in Abrede stellen, daß er in den Jahren zwischen 1942 und 1945 der nahezu unumschränkte Machthaber über Tausende zum Tode bestimmter Menschen war.

Der Tod war eben „passiert“. Und nicht die Opfer tun dem Täter leid, sondern deren Schicksal. Das Schicksal erscheint anonym; es hat sich vollzogen und war doch von ungleich größerer Macht als der kleine Mörder, den es zu seinem Werkzeug ausersah. Kriminologen kennen die Sprache des Verdrängens. Sie wirkt unbeholfen, Verständnis heischend und bedient sich zumeist des Passivs, der Leideform. Mitleiden und Einsicht in die eigene Schuld aber schließt sie aus.

Der ehemalige SS-Oberscharführer Josef Schwammberger war angeklagt, 45 Menschen ermordet und zum Mord an weiteren 3377 Menschen Beihilfe geleistet zu haben. Die Strafkammer verurteilte ihn am Montag dieser Woche wegen Mordes in 7 und wegen Beihilfe zum Mord in 32 Fällen zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Im übrigen sprach sie ihn von der Anklage frei oder stellte das Verfahren wegen Verfolgungsverjährung ein. Wer das Ergebnis in nackten Zahlen mißt, muß feststellen, daß die Justiz ihren Anspruch auf strafende Gerechtigkeit nur in einem Bruchteil der Anklagepunkte durchsetzen konnte. Ob der Verurteilte seine Strafe wird verbüßen müssen und wie lange er dies noch kann, steht dahin. Er ist achtzig Jahre alt. Die ersten Opfer, die er mit eigener Hand umgebracht hat, waren am Tag der Urteilsverkündung schon seit fünfzig Jahren tot.

Josef Schwammberger wurde, das ist gewiß, nur wegen solcher Taten verurteilt, die ihm in der fast einjährigen, mit akribischer Genauigkeit durchgeführten Beweisaufnahme zweifelsfrei nachgewiesen werden konnten. Das Stuttgarter Verfahren hat wie kaum ein anderes zuvor gezeigt, daß dies auch nach so langer Zeit noch möglich ist – weil Überlebende des NS-Terrors die Täter noch heute dingfest machen können. Dazu kam im Fall Schwammberger ein besonderer Umstand: Er war wie viele andere nur ein kleines Rädchen im Getriebe der Mordmaschinerie, aber doch an herausgehobener Stelle und in einem überschaubaren Bereich.

Der Alt-Parteigenosse aus Österreich wurde nach dem Polenfeldzug mangels Frontverwendungsfähigkeit zur Dienststelle des SS- und Polizeiführers nach Krakau im sogenannten „Generalgouvernement“ einberufen. Dort erhielt er, wenngleich zunächst nur – gemessen an Wehrmachtsdienstgraden – Unteroffizier und später Feldwebel, das Kommando über das neu eingerichtete Judenghetto in Przemysl und über ein Arbeitslager im nahe gelegenen Rozwado. Ghetto und Lager waren nach dem Plan der „Endlösung“ nicht zur massenhaften Tötung, sondern zunächst nur zur Erfassung und Ausbeutung der jüdischen Bevölkerung bestimmt; erst nach ihrer völligen Erschöpfung wurden die Menschen nach Auschwitz ins Gas transportiert.