Von Lutz Reidt

Innen glänzend, außen bröckelnd – in höchst unterschiedlichem Gewande präsentieren sich die 48 biblischen Könige in den Obergaden-Fenstern des Kölner Domes in rund dreißig Meter Höhe. Die Innenansicht offenbart ein Musterbeispiel historischer Glasmalerei, wenn im durchscheinenden Sonnenlicht der Königszyklus in satten Blau-, Gelb- und Rottönen leuchtet.

Doch von außen sieht’s finster aus. Dicke graubraune Schmutz- und Verwitterungskrusten überziehen die wertvollen Gläser aus dem frühen 14. Jahrhundert, stellenweise haben sich sogar kleine Löcher gebildet. Die Kulturschätze aus der Hochgotik sind häufig in schlechterem Zustand als noch ältere Gläser aus der frühen Gotik oder gar Romantik. Denn für solch riesige Kathedralen wie den Kölner Dom wurden innerhalb kurzer Zeit große Mengen Glas produziert. „Das war schon eine Art Massenproduktion, die häufig auch auf Kosten der Qualität ging“, sagt der Chemiker Stephan Fitz. Er ist beim Umweltbundesamt für den Kulturgüterschutz zuständig.

Zudem nagt die Luftverschmutzung an den historischen Gläsern: Schwefeldioxid und daraus entstehende Säuren lösen Kalium- und Calcium-Ionen aus den Fenstern. Eine häßliche Kruste entsteht, durchsetzt mit Ruß und Schmutz.

Einen Kontrast hierzu bilden einige matt schimmernde kleine Gläser in den Obergaden-Fenstern. „Die wirken ein bißchen wie geölt“, sagt Günter Hettinger, Glasrestaurator an der Kölner Dombauhütte. Zur Probe haben er und seine Kollegen einige der arg mitgenommenen Gläser gereinigt und mit einer Schutzschicht versehen, die Mineralogen und Chemiker am Fraunhofer-Institut für Silicatforschung in Würzburg entwickelt haben.

Das Fraunhofer-Konzept basiert auf „Ormoceren“ (von organically modified ceramics). Diese neue Gruppe von Werkstoffen verbindet Kunststoffe und Keramiken miteinander – und könnte den lange erhofften Schutz für die wertvollen Fenstergläser bringen. Der Leiter der Arbeitsgruppe „Kulturgüterschutz“ am Fraunhofer-Institut, der Mineraloge Dieter Fuchs, erklärt den Aufbau der raffinierten Schutzschicht, die aus drei Lagen besteht (siehe Zeichnung);

  • einer Ormocer-Grundierung, die gelockerte Glaspartikel fixiert und vor allem für die Haftung auf den korrodierten Oberflächen sorgt. Dies ist ein großes Problem bei der Restaurierung historischer Gläser.
  • dem eigentlichen Schutzlack, der einerseits äußerst resistent gegenüber Schadstoffen sein soll, andererseits aber nicht zu spröde sein darf. Denn die historischen Gläser sind mosaikartig mit Bleirouten und Einkittungen verbunden, die bei Temperaturschwankungen sehr unterschiedlich „arbeiten“. Eine zu harte und spröde Beschichtung würde mit der Zeit reißen, die Schadstoffe könnten wieder eindringen. Deswegen enthält die mittlere Schicht viele winzige, transparente Glasplättchen, die sich wie kleine Spielkarten überlappen und sehr flexibel auf Spannungen reagieren,
  • und drittens aus einem Decklack als Schutz vor Ultraviolettlicht und Feuchtigkeit.