Von Gero von Randow

Wer sich in die Nähe des kalifornischen Städtchens Claremont verirrt, kann sich auf einen ungewohnten Anblick gefaßt machen: Plötzlich kommt ein Etwas mit gigantischen Sprüngen daher, das von ferne aussieht wie das Riesenexemplar eines Grashüpfers. Aus der Nähe entpuppt es sich als stählerner Springapparat, an den ein behelmter Mensch angeschnallt ist. Er heißt Bruce Crapuchettes, ist Theologe, verdient sein Geld als klinischer Psychologe und außerdem als Finanzchef und „Testpilot“ der Firma Applied Motion. Sie will uns allen federnde Beine machen.

Das Gerät ist merkwürdig, doch waren das die ersten Flugmaschinen nicht auch? So alt wie der Traum vom Fliegen ist auch das Märchen von den Siebenmeilenstiefeln. „Der Schlüssel für die Geschwindigkeit des Gehens“, doziert Crapuchettes’ Boß G. John Dick, „ist die Länge des Schritts. Diese wird beim Laufen von der Sprungkraft und der Beinlänge bestimmt.“ Stelzen wären mithin schon mal gut, wenn jemandem der alltägliche Trott zu langsam ist. Nun muß ihnen nur noch Sprungkraft verliehen werden.

Sprinter trainieren ihre Sprungkraft tagaus tagein. Aber Muskeln sind nicht alles. In den Füßen halten Bänder die Knochen beisammen und Sehnen übertragen die Muskelkraft, doch darüber hinaus funktionieren Bänder und Sehnen als Sprungfedern. Beim Laufen landen wir nach kurzem Flug auf unseren natürlichen Sprungfedern, die einen Teil der Bewegungsenergie speichern, um sie beim folgenden Sprung wieder abzugeben. Wer höher hinaus will, trägt federnde Turnschuhe oder springt auf das Trampolin.

Schlicht gesagt kreuzten die kalifornischen Erfinder die Stelzen mit dem Trampolin. So entstand der SpringWalker, ein künstliches Skelett mit rückwärts gerichteten Knien, das Hebelwirkung und Federprinzip nutzt: Bei der Landung auf einem der zwei Stahlbeine klappt ein Hebelmechanismus nach hinten, der über einen Seilzug eine starke Feder spannt (siehe Zeichnung). Ist der federgedämpfte Aufprall vorbei, entspannt sich die Feder und läßt über Seilzug, Hebel und Stahlbein den SpringWalker wieder emporschnellen – aber nicht vertikal, sondern vorwärts in die Schräge, in die sich Mr. Crapuchettes mittlerweile erwartungsvoll neigt. In der nächsten Runde ist das andere Bein dran.

Die Feder speichere bis zu neunzig Prozent der Aufprallenergie, behauptet G. John Dick. Sein jetziger Springinsfeld erreicht eine Geschwindigkeit von dreizehn Kilometern pro Stunde; zur Zeit arbeitet die Firma an einer Version mit Servomotoren, die Geschwindigkeiten von mehr als dreißig Kilometern in der Stunde erzielen sollen. G. John Dick ist ein Profi und nicht unbedingt ein Außenseiter: Seinen Doktor der Physik hat er in Berkeley gemacht, er kann eine eindrucksvolle Liste wissenschaftlichen Veröffentlichungen vorweisen und hat in renommierten Institutionen Entwicklungsprojekte geleitet. Er hält mehrere Patente, den SpringWalker hat er gleichfalls patentieren lassen.

Federlaufen sei nicht schwieriger als Radfahren, behauptet der Firmenboß, meint allerdings ein Hochrad aus dem 19. Jahrhundert. Das kann vieles bedeuten, doch sah auch den ulkigen Rädern von damals niemand an, daß ihre Nachkommen die Welt erobern würden.