Von Bernd Greiner

Es war eine Verschwörung. Mit diesen dürren Worten faßte im Jahr 1979 das Select Committee on Assassinations, vom amerikanischen Kongreß eingesetzt, um die Hintergründe des Mordes an John F. Kennedy zu untersuchen, die Ergebnisse seiner monatelangen Recherchen zusammen. Vom „Einzeltäter Oswald“ mochte niemand mehr reden. Ton- und Filmdokumente belegten, daß aus mehreren Richtungen auf den Präsidenten gefeuert worden war und daß der tödliche Schuß von vorne kam – entgegengesetzt zum Standort des vermeintlichen Schützen Oswald. Und irgend jemand hatte viel Mühe darauf verwandt, die Spuren zu verwischen. Was nämlich in den Akten des FBI oder des Sheriffs von Dallas zu lesen stand, war alles andere als eine sorgfältige Polizeirecherche: Beweisstücke gingen gleich dutzendweise verloren, Zeugen wurden eingeschüchtert oder starben eines mysteriösen Todes.

Von wem aber ging die Verschwörung aus? Wer konnte dergleichen wollen, planen und überdies, noch Jahre danach, unter dem Teppich halten? Dies ist der Stoff, aus dem Legenden gewirkt werden und Verleger Hoffnung schöpfen. Kaum ein Klappentext, der nicht, mehr oder weniger marktschreierisch, des Rätsels Lösung verheißt. Oliver Stones „J.F.K.“ war der Versuchung wohl zuviel. Statt des obligaten „Buchs zum Film“ wird mittlerweile die „Bibliothek zum Film“ angeboten – auch in deutscher Sprache.

Anthony Summers „Conspiracy“, so der Titel der amerikanischen Erstausgabe, ist auch nach zehn Jahren noch auf der Höhe der Zeit. Es zahlt sich aus, daß der Autor nicht Sensationelles enthüllen will. Er bevorzugt die kritische Distanz, wägt ab, vergleicht und bohrt auch dort weiter, wo die Beweise scheinbar auf der Hand liegen und ein Urteil daher wohlfeil zu haben wäre.

War die Mafia im Spiel? Oder eher die CIA? Natürlich hatten beide ein Motiv. Zu Kennedys Zeiten wurde mit ungewöhnlich harten Bandagen gegen die Unterwelt gekämpft. Einer der bekanntesten Bosse, Carlos Marcello, mußte zeitweilig das Land verlassen und war über den Justizminister so erbost, daß er Ende 1962 lauthals verkündete, Robert Kennedy oder seinen Bruder, am besten aber beide, sollte man „umlegen“. Aber auch auf der CIA lag schon damals ein Schatten. Kennedy konnte sich kaum im Zaum halten, wenn die Rede darauf kam, wie die „Agency“ ihn in der Schweinebucht hinters Licht geführt und mit allen Tricks versucht hatte, grünes Licht für den Einsatz amerikanischer Luftwaffe zu bekommen. Was Kennedy bekanntlich ablehnte. Statt einer Invasion großen Stils gab es Entlassungen erster Klasse: Der Chef der CIA, sein Stellvertreter und der für Kuba zuständige Abteilungsleiter mußten gehen. Summers vermutet, daß beide, Mafia und CIA, unter einer Decke steckten.

Mit Kuba hatte alles angefangen – und mit der Weisung Eisenhowers, etwas gegen Fidel Castro zu unternehmen. Von Einzelheiten wollte das Weiße Haus nichts wissen. In diesem Fall erst recht nicht, denn die zuständigen Abteilungen der CIA langten tief in die Kiste der dirty tricks. Mehrmals wurden, wie in den Akten des Select Committee festgehalten und seitens der CIA bestätigt, Gangster auf den kubanischen Staatschef angesetzt. Auch unter Kennedy änderte sich anfänglich nichts. Der Präsident billigte „Operation Mongoose“ – je schneller ein Putsch in Kuba, um so besser. Das Drehbuch hätte aus einem James-Bond-Film stammen können: Vergiftete Zigarren für Castro gab es ebenso wie verseuchte Taucheranzüge und den obligaten Revolver als Füllfederhalter.

Der Oktober 1962 änderte alles. Kennedy, von der Kubakrise geschockt, versuchte, die Fesseln des Kalten Krieges zu lösen. Um einer Verständigung mit der UdSSR willen, so gab er zu verstehen, würde er sich auch mit Castro arrangieren. Kennedy hatte in ein Hornissennest gestochen. Fragt sich nur, wer hysterischer reagierte: die Exilkubaner im Süden der USA oder jene Clique von Mongoose-Spezialisten, die sich um die Früchte ihrer Arbeit betrogen sahen. Summers vermutet die Verschwörer in ihrer Mitte. Wenn der Präsident nicht mehr Castro stürzen wollte, dann wollten sie eben den Präsidenten stürzen. In der Tat gibt es zahlreiche Indizien dafür, daß einzelne Mitarbeiter der CIA aus dem Ruder liefen und mit Exilkubanern gemeinsame Sache machten.