Von Udo Gümpel

Herr Präsident, stimmt es, daß es gar nicht allein die weißen Invasoren sind, die den tropischen Regenwald in Brasilien abholzen, sondern daß viele Indianerstämme auch selber Hand anlegen und einen schwunghaften Handel mit Edelhölzern treiben?“

Eine Frage, die mir schon lange auf der Zunge lag. Mißmutig blickte der 52jährige Sidney Possuelo aus dem Fenster. Der Präsident der Indianerbehörde Brasiliens, der Fundação Nacional do Indio (Funai), mochte die Frage nicht. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die unbequeme Fragesteller gelegentlich aus dem Kabinett im dritten Stock des schädderigen Plattenbaus in Brasilias Sektor Sep/Sul G 702 mit der Polizei hinauswerfen ließen, antwortete Possuelo aber.

Für mich war es ein Schock, als ich das erste Mal die mit den Riesenholzstämmen beladenen Lastkraftwagen bei Marabá im nordbrasilianischen Bundesstaat Pará sah. Nichtsahnend fragte ich damals meinen (weißen) Begleiter, welcher verbrecherische weiße Farmer sie denn wohl umgehauen habe, um den armen Indios den Lebensraum zu stehlen. Im Ton der größten Selbstverständlichkeit antwortete mir der Einheimische: „Die Mahagonistämme des Bundesstaates Parä kommen doch alle aus dem Reservat der Kaiapö-Indianer.“ Also hatten die Weißen es gewagt, sogar dieses letzte Bollwerk des Indianerwiderstandes zu besetzen? „Wie kommst du denn darauf? Es sind doch die Indios selbst, die den Wald verkaufen. Endlich sind sie schlau geworden!“ sagte der Mann und lachte.

Ich dachte an das große Treffen der Indianerstämme von Altamira, im Herzen des Amazonasdschungels, im Frühjahr 1988. Waren die Umarmungen der großen Häuptlinge Raoni, Paiaka und Magaron mit dem englischen Rocksänger Sting nur eine miese Show gewesen? Hatten sie hinter unserem Rücken Tausende von Tonnen Mahagoni in die USA, nach Großbritannien, Deutschland und Frankreich exportiert, den größten Kunden des brasilianischen Mahagoni?

Ausverkauf des Waldes

Die Zahlen sprechen für sich. 67 Prozent der gesamten Mahagoni-Exporte Brasiliens stammen aus den Indianerreservaten der Kaiapö-Indianer. 1985 begann der Ausverkauf des Waldes. Im Durchschnitt werden heute jedes Jahr 150 000 Kubikmeter Edelholz im Werte von 75 Millionen Dollar verkauft. Jährlich werden aus den Reservaten von A’Ukre, Kikretum, Kokraimoro, Gorotire und Kuben-Kran-Ken rund 27 000 Rundholzstämme herausgeschlagen. Der ökologische Schaden ist enorm. Für jeden Baum von über 200 Zentimeter Stammdurchmesser wird knapp ein Hektar Wald zerstört: durch den Straßenbau und die damit verbundene Vernichtung „wertloser“ Bäume. Die einst verschlossenen Indianergebiete werden von den Einschlagstraßen der Holzhändler zerniert. Über die Schneisen dringen dann Goldsucher ein, Siedler, neue Waldvernichter.