Von Jens Borchers

Sie hoben die Arme, schrien: „Nein, nein!“ Ein Bus wurde auf den schmalen Streifen zwischen Soldaten und Demonstranten gefahren, ein letzter, verzweifelter Versuch, die aufgebrachte Menge zu schützen. Minuten später krachte im Morgengrauen die erste Salve aus den Schnellfeuergewehren der Armee über die Köpfe der Demonstranten hinweg. Die zweite Geschoßgarbe an diesem Montagmorgen zielte tiefer. Menschen strauchelten, fielen, wurden von anderen weggeschleppt. Demonstranten und Reporter rannten in panischer Angst vor den Kugeln um ihr Leben.

Soldaten stürmten vorwärts, drängten die Demonstranten zusammen, um auf Befehl des thailändischen Premierministers Suchinda Kraprayoon endlich jene Protestbewegung zu zerschlagen, die seit Wochen den Rücktritt des zum Regierungschef ernannten Generals fordert. Schießbefehl in Thailand, dem „Land der Freien“.

Der Protest gegen Suchinda brach dennoch nicht zusammen. Am Denkmal der Demokratie im alten Zentrum Bangkoks harrten Tausende aus und versuchten, mit ihren Körpern den Mann zu schützen, der als Kopf der Protestbewegung gilt. Chamlong Srimuang, bis Januar dieses Jahres Bürgermeister von Bangkok, hatte den friedlichen Widerstand gegen die Machtergreifung Suchindas geführt. Chamlong gilt vielen in Thailand als Symbol eines unbestechlichen, engagierten Politikers – eine Ausnahmeerscheinung in der politischen Szene des Landes.

Am Montagnachmittag rissen Soldaten diesen Mann hoch, legten ihm Handschellen an und führten ihn ab. Premier Suchinda hoffte wohl, den Protest durch die Verhaftung Chamlongs zu ersticken. Das Gegenteil geschah. Die Demonstranten gingen nun ihrerseits gegen das Militär vor; Regierungsgebäude wurden in Brand gesetzt, Autos umgestürzt und angezündet. Am späten Montagabend folgte der zweite schwere Angriff der Armee auf die Menge, im Morgengrauen setzten die Soldaten dann erstmals Maschinengewehre ein.

Anschließend „säuberten“ Soldaten die Straßen, nach offiziellen Angaben wurden 1000 Menschen verhaftet, Augenzeugen sprechen von 3000 Festgenommenen. Danach legte sich eine unheilvolle Stille über Bangkok.

Was hat den Massenprotest ausgelöst? Premier Suchinda behauptet, der „Mob“ sei von Kommunisten gesteuert, gegen die er mit aller Härte vorgehen müsse, um Thailand und die Demokratie zu retten. Der General weigerte sich hartnäckig, die Demonstrationen als klares Signal einer Bevölkerung zu erkennen, deren politisches Selbstbewußtsein mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Thailands gewachsen ist. Aus nahezu allen Gesellschaftsschichten rekrutiert sich der Widerstand gegen den traditionellen Machtanspruch der Militärs.