Von Roland Kirbach

Sie ist ausgesprochen anspruchslos und äußerst anpassungsfähig, gesellig, sozial veranlagt und durch und durch sportlich – sehr gut im Schwimmen, Springen und Klettern. Lauter faszinierende Eigenschaften. Und dennoch ist kein anderes Tier dem Menschen so verhaßt wie dieses – die Ratte. Was damit zusammenhängen mag, daß sie „der erfolgreichste biologische Gegenspieler des Menschen“ ist, wie der Verhaltensforscher Konrad Lorenz meinte, und „mit grundsätzlich ähnlichen Mitteln arbeitet wie der Mensch, mit traditionsmäßiger Überlieferung von Erfahrung und ihrer Verbreitung innerhalb einer eng zusammenhaltenden Gemeinschaft“.

Wo Menschen sind, sind Ratten. „Die Ratte ist ein Kulturfolger des Menschen“, sagt Professor Hans-Jürgen Hapke vom Institut für Pharmakologie und Toxikologie an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, „die chemische Bekämpfung trägt nicht dazu bei, die Population zu dezimieren.“ Dort, wo es gelinge, Ratten zu vergiften, entstehe allenfalls vorübergehend „eine ökologische Nische“. Aber „im Jahr darauf hat sich dort ein neues Rattenvolk niedergelassen“. Hapke: „Ratten ausrotten, das geht nicht.“

„Ratten – Dresden darf nicht die New Yorker Bronx werden“, lautete kürzlich eine Schlagzeile der Sächsischen Zeitung. Vor allem in den Großstädten auf dem Gebiet der ehemaligen DDR hätten sich die Ratten dramatisch vermehrt, berichtet Waldemar Gleinich, Parasitologe an der Dresdner Landesuntersuchungsanstalt. Sorge bereitet vor allem die „Freilandverrattung“, wie der Diplombiologe es nennt: Ratten kommen immer häufiger aus ihren Löchern und tummeln sich an Imbißbuden, auf Marktplätzen, an Haltestellen und in Grünanlagen. Gleinich vermutet, daß sich durch die vielen neuen Imbißbuden, durch den stark angewachsenen Müll überhaupt das „Futterangebot“ für die Nager deutlich verbessert habe, zumal die Müllbeseitigung mangelhaft sei.

Im Gegensatz zu DDR-Zeiten, als für die Rattenbekämpfung genug Geld vorhanden gewesen sei, „fehlen jetzt, wo jede Mark zweimal umgedreht werden muß, dafür die Mittel“. Gleinich wandte sich an die Presse und schlug öffentlich Alarm. „Das hat gewirkt“, stellt er befriedigt fest. „Jetzt werden Mittel bereitgestellt.“

Doch die Ratten kommen nicht nur im Osten. In Köln zum Beispiel ist die Zahl der Einsätze gegen Ratten und Mäuse in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, sagt Ayse Oksal, Oberdesinfektorin in der städtischen Desinfektionsanstalt, und holt eine Liste hervor: von 372 Einsätzen im Jahr 1989 auf 433 im Jahr 1990 und auf 589 im Jahr 1991. Das seien aber nur die Einsätze auf öffentlichen Flächen, betont Frau Oksal. Tauchen Ratten auf Privatgrundstücken auf, müssen die Eigentümer private Schädlingsbekämpfungsfirmen beauftragen.

Die Oberdesinfektorin trifft bei ihren Einsätzen die Ratten immer häufiger auch über Tage an. Rund um Großbaustellen sei das nichts Ungewöhnliches; dort würden die Tiere in ihren unterirdischen Höhlen aufgescheucht. Aber auch in Parks und an Teichen huschen sie immer häufiger herum.