Von Karen Söhler

Rami Abdulhadi beugt sich über die Landkarte und zeichnet mit seinem Finger eine blaugestrichelte Linie nach – die Umrisse des Gazastreifens, eines Korridors durch Israel, des Westjordanlandes und Ost-Jerusalems. „Das sind die Grenzen unseres Staates Palästina“, erklärt er. Abdulhadi, ein in den USA ausgebildeter Ingenieur, der nun sein eigenes Büro in Ramallah nördlich von Jerusalem leitet, deutet auf eine fettgedruckte rote Linie: die Autobahn, die Knotenpunkte des Staates miteinander verbindet und den Anschluß nach Kairo und Amman bildet. „Das ist der Hafen“, sagt Abdulhadi und setzt seinen Finger auf die Stadt Gaza, neben der ein kleiner Anker eingezeichnet ist. „Dort liegt der internationale Flughafen“, fährt Abdulhadi fort und weist auf ein großes Flugzeug oberhalb Jerusalems. Auch ein Straßennetz und Eisenbahngeleise sind schon markiert.

Abdulhadis Landkarte ist nur eine Vision, ein Blatt in einem 180 Seiten starken Buch mit dem Titel „Masterplanning – The State of Palestine“. Nahezu vier Jahre lang, seit die PLO den Staat Palästina 1988 in Tunis ausrief, haben Abdulhadi und seine Mitarbeiter daran gearbeitet. Die Studie untersucht die Infrastruktur des visionären Staatsgebildes und erklärt, was es kosten würde, die Grundlagen für einen palästinensischen Staat zu schaffen. Sie geht dabei von einem Rückkehrrecht aus: Dann könnten im Jahr 2000 rund 4,8 Millionen Palästinenser im eigenen Land leben. Jetzt wohnen in den von Israel besetzten Gebieten etwa 1,8 Millionen Palästinenser. Insgesamt schätzt Abdulhadi die Kosten des Zukunftspalästinas auf 35 Milliarden Dollar in zehn Jahren.

Die enorme Summe ist sicher nicht übertrieben. Das Westjordanland und vor allem der Gazastreifen sind inzwischen so heruntergekommen, daß ein eigenständiges Palästina schwer vorstellbar ist. Zu lange wurde die Region vernachlässigt: Nach der Gründung Israels 1948 und der Ablehnung der Palästinenser, auf dem verbleibenden Teil des ehemaligen britischen Mandatsgebietes ihren Staat zu errichten, annektierte Ägypten den Gazastreifen und Jordanien das Westufer des Jordans sowie Ost-Jerusalem. Beide Staaten taten recht wenig für den Lebensraum der Palästinenser.

Nach dem Sechstagekrieg 1967 annektierten die Israelis Ost-Jerusalem. Den Gazastreifen und das Westjordanland beanspruchen sie ebenfalls auf Dauer. Auch ihnen liegt bislang nicht daran, die palästinensische Wirtschaft zu stärken. Die viereinhalb Jahre des Palästinenseraufstands Intifada haben der Region zusätzlich zugesetzt. Selbst einheimische Palästinenser scheuen mittlerweile Investitionen. Politische Risiken und Restriktionen der israelischen Besatzungsmacht halten sie ab. Entsprechend niederschmetternd sind die wenigen zuverlässigen Zahlen, die für die Wirtschaft in den besetzten Gebieten genannt werden: Das Bruttosozialprodukt, gibt Samir Hulaileh, Leiter der Wirtschaftlichen Entwicklungsgruppe (EDG) in Jerusalem, an, sei in den vergangenen vier Jahren um zwölf Prozent geschrumpft, auf unter tausend Dollar pro Kopf und Jahr. Das liegt auch daran, daß die Landwirtschaft unter zunehmendem Wassermangel leidet.

Im Westjordanland liegt die Arbeitslosenquote bei etwa 30 Prozent, im Gazastreifen bei mindestens 35 Prozent. Vor der Intifada waren deutlich mehr Palästinenser für wenig Geld in israelischen Unternehmen beschäftigt als heute. Allerdings sind es immer noch ungefähr 100 000, die täglich aus den besetzten Gebieten ins israelische Kernland pendeln.

Ein Blick auf die Infrastruktur ist erschütternd: Das von Israel abhängige Telephon- und Elektrizitätsnetz ist brüchig, viele Häuser sind zerfallen, Abwassersysteme fehlen. Die Straßen sind schlaglöcherübersät, aber auch die Bahn stellt keine Alternative dar: Von den Schienen der Beirut-Kairo-Bahn liegen im Gazastreifen nur noch Bruchstücke. Der uralte Hafen von Gaza dient heute lediglich einigen verarmten Fischern als Basis. Die meisten Güter für die besetzten Gebiete werden über die israelische Küstenstadt Ashod im Süden Tel Avivs eingeführt. Die Flüchtlingslager, in denen Hunderttausende aus Israel vertriebene oder geflohene Palästinenser und ihre Nachkommen vegetieren, wirken erbärmlich.