Von Christoph Drösser

Es gibt eine Errungenschaft der untergegangenen DDR, die nun endlich mit Westgeld fortgeführt werden soll: die Förderung von Wärme aus der Tiefe der Erde. Das Bonner Umweltministerium wird in den nächsten Wochen mit dieser Botschaft an die Öffentlichkeit gehen.

In drei DDR-Städten wurden mit diesem Prinzip etwa 22 Megawatt an Heizenergie erzeugt – im Westen dagegen galt die Erdwärme stets als „unwirtschaftlich“. Jetzt besinnt sich auch die Bundesrepublik auf diese saubere, unschädliche Energie.

Die Erdwärme wird zusammen mit Wind und Sonne zu den erneuerbaren Energiequellen gezählt – obwohl sie das strenggenommen nicht ist. Die hohen Temperaturen im Innern der Erde entstehen zum weitaus größten Teil durch radioaktiven Zerfall der Elemente Kalium, Thorium und Uran. Allein mit der Wärme, die in den obersten zehn Kilometern der Erdkruste steckt, ließen sich eine Million Kraftwerke mit einer Kapazität von 200 Megawatt 10 000 Jahre lang betreiben.

Bleibt die Frage, wie sich zumindest ein Bruchteil dieses unvorstellbaren Energievorrats nutzen läßt. Bislang wird im wesentlichen eine Methode praktiziert: Unter der Erde wird nach heißem Wasser gesucht; das wird nach oben befördert. So haben schon die Römer ihre Thermen betrieben, und alle heute praktikablen Verfahren zur Nutzung der Erdwärme funktionieren genauso – nur daß meist tiefer gebohrt werden muß. In den geothermischen Anlagen von Neubrandenburg, Waren am Müritzsee und Prenzlau wird aus etwa 1500 Meter Tiefe zwischen 42 und 90 Grad warmes Salzwasser gefördert, über Wärmetauscher abgekühlt und dann wieder in den Boden „verpreßt“, wie es im Ingenieursdeutsch heißt. Das ist schon deshalb nötig, weil sonst große Salzmengen entsorgt werden müßten, es bewahrt aber auch die unterirdischen Wasserspeicher vor dem Versiegen.

Nach der Wende gab es um die Erdwärme-Anlagen im Osten das mittlerweile typische Ossi-Wessi-Gerangel: hier die ostdeutschen Anlagenbetreiber, die sich um den Bestand ihrer positiven Ansätze sorgen, dort der betriebswirtschaftlich kalkulierende Westbeamte, der erst einmal harte Zahlen sehen will. Während der Ossi sich im Zuständigkeitswirrwarr westdeutscher Behörden verirrt, mokiert sich ein Westbeamter über die neuen Bundesbürger, die „einen dreiseitigen Förderungsantrag einreichen mit dem Tenor: Bitte überweisen Sie sieben Millionen Mark auf folgendes Konto ...“

Nachdem sich der Pulverdampf dieser Auseinandersetzung verzogen hat, scheint nun doch die Zukunft der ostdeutschen Erdwärmezentralen gesichert zu sein. Zur Zeit drängeln sich die Geldgeber regelrecht: Umweltminister Klaus Töpfer will eine der drei bestehenden Anlagen modernisieren lassen, Kabinettskollege Heinz Riesenhuber fördert den Neubau einer Anlage (wahrscheinlich in Neustadt-Glewe). Außerdem wollen noch die Bundesstiftung Umwelt und die EG-Kommission je eine „Patenschaft“ übernehmen, und auch der Wirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern wird einige Millionen lockermachen.