Es hat sich inzwischen herumgesprochen, daß das Ende von Diktaturen noch nicht den Sieg der Demokratie bringen muß. Nach dem kurzen Frühling des Glücks beginnt sich der europäische Horizont wieder zu verdunkeln. Sind die Gesellschaften, Völker und Staaten Europas stark und umsichtig genug, um den Wegfall des stützenden Status quo zu verkraften? Oder bewegt Europa sich in eine andere Richtung?

Um diese Fragen geht es in dem neuen Werk von Alain Mine, das den etwas unglücklichen Titel „Die Wiedergeburt des Nationalismus in Europa“ trägt. Das Buch des Managers und Bestsellerautors ist im französischen Original schon vor über einem Jahr erschienen: Die kommenden Krisen, die darin vorausgesagt werden, sind – vom Krieg im ehemaligen Jugoslawien bis zu den Erfolgen rechtspopulistischer Parteien – inzwischen fast ohne Ausnahme eingetreten, und das verleiht den Argumenten des Autors eine solche Dignität, daß dagegen der Ärger über die vielen Wiederholungen, Ungenauigkeiten und schrillen Aufgeregtheiten schnell verblaßt.

Die Kernthese Mincs ist ebenso einfach wie provokant: Das widersinnige System der Blockkonfrontation ist verschwunden – mit ihm sind aber auch die Sicherheiten dahin, die es erzwang und garantierte. Mine zitiert die prägnante Formulierung eines Griechen: „Hätten die Bulgaren vor drei Jahren uns Griechen angegriffen, um sich Thrazien wiederzuholen, wäre daraus ein Weltkrieg entstanden; heute ergäbe sich ein schwerer lokaler Konflikt.“ Die atomwaffengestützte Blockkonfrontation bewirkte zweierlei: Sie sicherte den Nicht-Krieg, und sie zementierte den Status quo. Sie unterband Entwicklung, sie perpetuierte gewissermaßen historische Auszeit. Deren Ende hat nun zur Folge, daß die Kriegsschwelle gesunken ist; weil der Weltkrieg (vorerst) kein Thema mehr ist, sind regionale Kriege möglich geworden. Alte Rechnungen können nun vergleichsweise gefahrlos wieder aufgemacht werden. Die zügelnde Autorität des drohenden atomaren Kriegs ist dahin, und neue Autoritäten, die wirkungsvoll in die jetzt ausbrechenden Händel eingreifen könnten, gibt es (noch) nicht, weder in Gestalt der Uno noch in der einer europäischen Föderation. Minc: „Die Nachkriegszeit bedeutete eine große Bedrohung und nur wenig Gefahren; für die Nach-Nachkriegszeit sind Gefahren zu erwarten ohne die eine große Bedrohung.“

Konnte sich Politik bisher darauf beschränken, den Ist-Zustand zu erhalten, so ist sie nun ungleich stärker gefordert. Alles ist wieder offen, die Zeit ist reif für eine komplexe Politik. Wir gehen – so Mine – unausweichlich auf eine Zeit vervielfachter Krisen zu: Klein-Libanon auf dem Balkan; das „schwarze Loch“ der ehemaligen Sowjetunion; Rußland – ein atomar bewaffnetes Nichts; ein europäischer Osten, der noch lange ein Armenhaus bleiben wird; ein imperiales Deutschland, das Gefahr läuft, zwischen Ost und West zu schwanken; eine regionale Supermacht USA, die dazu neigt, Europa Europa sein zu lassen. Und als Antwort auf die neue Unübersichtlichkeit zuerst im Osten, dann aber auch im Westen eine Renationalisierung der Politik, der Aufstieg der schrecklichen Vereinfacher.

Die „friedselige Vision von einem rasch vollendeten Europa“ ist zerschellt, und von einer neuen Weltordnung kann ernsthaft nicht mehr die Rede sein. Die Alternative lautet: „Chaos mit oder ohne Chaostheorie“. Das klingt pessimistischer, als es gemeint ist. Mine plädiert leidenschaftlich für eine Politik, die endlich das Gehäuse des Status quo verläßt, die auf das Scheckigwerden der europäischen Landkarte mit einer intelligenten Strategie der Vervielfältigung von Bündnissen antwortet (zum Beispiel mit einem Zusammenschluß der romanischen Länder) und die dem neuen Nationalismus offensiv entgegentritt: „Wenn die Demokratie angegriffen wird, müssen wir mit mehr Demokratie antworten, und es entspringt der gleichen Philosophie, wenn auf die ausländerfeindlichen Umtriebe mit einer für alle offenen Staatsbürgerschaft reagiert wird.“

In Bonn und Paris, ganz zu schweigen von Moskau und Belgrad, ist man zur Zeit jedoch mit ganz anderen Dingen beschäftigt.

Thomas Schmid