Von Udo Perina

Alle haben ihren Spaß. Eine gelungene Fete, auch wenn sie ein wenig an Polanskis Tanz der Vampire erinnert. Schon der Ort hat etwas Gespenstisches: ein altes, leer geräumtes Haus in einer der unwirtlichen Gegenden Frankfurts. Nur im vierten Stock brennt Licht. Und aus den Fenstern schallt laut die Musik der Rolling Stones.

Es ist die Nacht zum 1. Mai 1992. Ein paar hundert Grüne, Alternative und ehemalige Kommunisten feiern Abschied. Abschied von einem der letzten Symbole der Neuen Linken: dem KBW-Haus in Frankfurt am Main. Vorne spielt Winnetou II den Rock untergegangener Zeiten, und deutsche Exrevolutionäre geben sich dem Tanz hin; hinten servieren ihre ausländischen Freunde Bier und Wein. An den Wänden Plakate und Parolen aus den siebziger Jahren: „Vorwärts im Kampf um die Rechte der Arbeiterklasse und des Volkes! Vorwärts im Kampf für den Sieg des Sozialismus!“

Die Frankfurter Szene, sie stürmte immer entschlossen vorwärts. Und jetzt zieht sie um. Raus aus dem KBW-Bunker im proletarischen Gallusviertel beim Hauptbahnhof, rein in einen schicken Ökopalast in Bockenheim. In Bockenheim fühlt man sich heimisch, da ist die Uni, und da sind die Kneipen und Cafés, in denen man Joschka Fischer und Jürgen Habermas höchstpersönlich bei griechischem Wein beobachten kann.

Wie konnte es soweit kommen? Ein boomendes Frankfurt, ein geschickter Grundstückstausch, eine Großbank als Bauherr – wir werden das noch näher betrachten müssen. Doch jetzt steht es erst mal da, das neue Politzentrum, direkt am Westbahnhof in Bockenheim. Mit seiner mächtigen Glasfassade ähnelt es eher einem riesigen Gewächshaus als einem Bürobau für alternative Betriebe und Projekte. Der Anstrich innen wie außen nur in warmen Farbtönen, Blau, Violett und Grün; vor dem Eingang ein Feuchtbiotop, über das eine Brücke in das mehrstöckige Foyer führt. Unten plätschert ein begrüntes Wildwasser, Bambusbüsche neigen sich dem Besucher entgegen, in der Luft der Duft exotischer Pflanzen.

Gerd Heinemann, einst kommunistischer Funktionär und jetzt Hausverwalter, führt Besucher mit fühlbarem Stolz durch das neue Zentrum. Er sieht in ihm „ein beispielhaftes Gegenmodell zu den üblichen Büro- und Gewerbebauten“. Verwinkelte Gänge, Lichthöfe und asymmetrisch geschnittene Räume: Von der Hinterhausatmosphäre voll leichter Verkommenheit, in der alternative Projekte früher zu Hause waren, ist nichts zu spüren – alles professionell gestylt, vom schiefen Fenster bis zur extra zusammengemischten Farbe des Linoleums.

Verantwortlich für den Prachtbau ist das Tübinger Architektenbüro Eble und Sambeth. Bis ins Detail hat es auf eine möglichst umweltfreundliche und energiesparende Bauweise geachtet. Mooswände sorgen für eine ausreichende Luftfeuchtigkeit, die Abwärme der Druckerei im Erdgeschoß wird für die Heizung genutzt, für die Toilettenspülung wird Regenwasser verwendet. Alles entspricht den neuesten stadtökologischen und baubiologischen Erkenntnissen. Auf jede politische Symbolik wurde bewußt verzichtet. Nichts erinnert an die bewegten Tage der Frankfurter Szene, an den Häuserkampf oder an die Studentenbewegung – selbst die Farbe Rot war tabu. Statt dessen wurde darauf geachtet, daß Ionisatoren und Gleichfeldanoden den Staubanteil und den elektrischen Spannungsgehalt der Luft verringern.