Von Fritz J. Raddatz

„Denn, so wunderbar es klingen mag, die Rettung der Dialoge verdanken wir den Angestellten des Terrors: den Gefängniskalfaktoren, die gezwungen waren, die Worte der Gefangenen Tag und Nacht abzuhören. Wenn sie, lauschend an den Mauertrichtern der Nachbarzellen, die Gespräche mitschrieben, haben sie für uns gearbeitet.“ Günther Anders

In altem Gewande ein hochmodernes Buch; gar ein aktuelles. Aus den Verliesen des gleich neunzigjährigen Günther Anders – wer ihn kennt, hat auch die wundersam unordentlich getürmten Manuskriptstapel in Schränken, auf Tischen und Stühlen seiner winzigen Wohnung im Gedächtnis – erscheint nun der vor vielen Jahren entstandene Roman „Die molussische Katakombe“. (Bereits das Schicksal des Manuskripts ist Zeugnis seiner Zeit: 1933 von Brecht an den Kiepenheuer-Verlag empfohlen, fiel es bei der Verlagsdurchsuchung in die Hände der Nazis, die es – eingewickelt in eine Landkarte Indonesiens – für eine Sammlung von Südsee-Märchen hielten; Günther Anders’ damalige Frau Hannah Arendt brachte es nach Paris, wo einem Ondit zufolge der damals noch orthodoxe Kommunist Manes Sperber die Publikation mit den Worten „Und das halten Sie für linientreu“ ablehnte; 1935 arbeitete Anders das Manuskript in Paris und 1938 in New York ein weiteres Mal um: Diese Fassung liegt jetzt als Buch vor.)

Der Name Molussien ist jedem Anders-Leser längst geläufig als Anspielung und Chiffre. Nun also betreten wir dieses Reich: die unheimlichen Katakomben eines währenden Unterdrückungsreiches, in denen sich – von Tag und Zeit verschlossen – die Generationen Geschichte als Geschichten weitergeben. Von wem und warum und wann verhaftet, ist so gleichgültig wie ihre Individualität: Diese Wesen haben keine Haarfarbe, keinen Körperwuchs, keine Sexualität – und keine Namen. Sie heißen immer Olo (der jeweils Ältere) und Yehussa (der jeweils Jüngere).

Die Welt scheint in ihre Zellenexistenz nur als Zeichen oder (gleich zu Beginn des Buches eine der schönsten, finstersten Prosapassagen) als „Traumwelt“; recte Alptraum. Die Welt als Hölle und Vorstellung – im Sinne der Inszenierung, die ein immer neuer Regisseur in immer neuer Regie auf die Bühne bringt – als habe es vor ihm nichts gegeben und werde es nach ihm nichts geben. Ein im Wortsinne „bodenloser“ Geschichtspessimismus, der Tradition, Logik und Entwicklung – Fortschritt ohnehin – radikal leugnet: „,Dafür hat sie ihn also ausgetragen? Daß er nachher herunterkommt als Schließer? Und dafür hat sie ihn also geboren.’ Olo tat verblüfft. ‚Gegen wen revoltierst Du?‘ ‚Und dafür hat sie ihn also genährt.‘ ‚Nein‘, antwortete Olo. ‚Dafür gew.ß nicht. Aber glaubst Du, wir seien eine >Rasse<? Überzeugungen seien im Blute? Entschlüsse erblich? Gesinnungen eingeboren? Wir kämen markiert auf die Welt? Und der Sohn der Ersten hätte wissen müssen, wer er war?’ ‚Es ist trotzdem infam‘, fand Yegussa. Jeder muß von vorn anfangen’, schloß Olo. Jeder ist der Erste.’“

Die Roman-Apparatur ist auf geradezu ehrwürdige Weise „alt“: Sie bedient sich solcher knisternder Kunstnamen wie eben Olo und Yegussa, Su und Jakuth, Gru und Koro und Burru (der für Hitler steht und dessen Gegen-Land – UdSSR? – Ursien heißt). Erfährt man Tätigkeiten, dann sind es archaische – Prinz, Kornhändler –, und wird man über Eigenschaften informiert, dann sind sie dialektisch verdreht: „Bevor Prinz Gey großjährig wurde, war er in seinem Benehmen sehr unsicher; er hatte deutliche Regungen von Unbestechlichkeit.“

Wir haben es also zu tun mit einer Literatur der Epoche, da man Romanfiguren Tegularius nennen konnte oder Settembrini und Naphta oder seine disputierenden Kunstfiguren Kalle und Ziffel taufte. Dieser Literatur – ob Hesses Glasperlenspiel-Kastalien, Thomas Manns Zauberberg oder Brechts Flüchtlingsgesprächen – ist Anders’ Buch verwandt: eine Mischung aus Märchen, Parabel und Lehrstück im Gewande des aufklärerischen Disputs; der die Aufklärung als Kunstblitz, die menschliche Vernunft als List und die Moral als Trick entlarvt.