Von Ulrich Stock

Stop and go am bislang heißesten Tag des Jahres. Unterarme hängen aus geöffneten Seitenfenstern, weiße Röcke huschen über die Ausfallstraße. In das Geräusch der Motoren mischt sich der pulsierende Bass von Radio Hamburg. Freitagmittag in Deutschland.

Neben der Autobahn verschwendet sich der Raps an die Blicke der Pendler. Was für ein Gelb! Welch ein Duft! Kein schöner Land in dieser Zeit!

Nach dreißig Kilometern: Ahrensburg. Axel Springers Druckzentrum steht auf einer blühenden Wiese. Herrlich hier draußen Drinnen nicht“, sagt der Betriebsrat. Wieso? „Waren Sie schon mal in einem westdeutschen Großbetrieb, wo die Stimmung gut ist?“ Der Ton der Frage verlangt nach einem Nein.

Bild, Welt, Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, Hamburger Abendblatt, Bild am Sonntag, Welt am Sonntag. Hochkonzentrierte Arbeit rund ums Jahr in täglich drei Schichten – wenn nicht gestreikt wird: Vergangene Woche wurde hier die halbe ZEIT-Auflage gekippt.

Die Betriebsratsmitglieder sprechen für 3000 Beschäftigte in Ahrensburg, ein Viertel der gesamten Springer-Belegschaft. Sie sind selbstbewußt, auf der Höhe der politischen Diskussion: „Wir lesen, was wir drucken.“

Ihre Argumente sind geschliffen, ihre Geduld ist erschöpft: Die allgemeine Steuerschraube, die kommende Mehrwertsteuer-Anhebung, die „offizielle Inflation“ von 4,6 Prozent (nicht zu reden von „der tatsächlichen“), die Betriebskrankenkasse (die von August an ein Prozent mehr Beitrag verlangt), Pflegeversicherung, Karenztage, die vorgeschlagene Abschaffung von 3. Oktober und Pfingstmontag, „das nimmt gar kein Ende, da kommt jeden Tag was Neues“, und dann, „das ist die absolute Verarschung“, das 3,3-Prozent-Angebot der Arbeitgeber: „Wir haben endgültig die Nase voll.“ Elf Prozent fordert die IG Medien, mit 5,4 will man sich nicht zufriedengeben.