Von Georg Blume

Unbemerkt, im lautlosen Takt immer neuer Chip- und Robotergenerationen, wuchs Japan während des Kalten Krieges zur Weltmacht heran. Erst als Deutschland vereinigt und der Golfkrieg vorüber war, fiel es den Beobachtern wie Schuppen von den Augen: „Japan“, sagte der ehemalige amerikanische Verteidigungsminister James Schlesinger, „ist der Sieger des Kalten Krieges.“

Nippons unantastbarer sozialer Konsens, sein technologischer Vorsprung und die unvergleichbare Größe seiner Konzerne jagten denen einen Schrecken ein, die zum Beginn des neuen Zeitalters politische Waffenschau hielten. Inzwischen jedoch muß man fragen: Was hat Japan aus seinem historischen Erfolg gemacht? Welche Weichen wurden gestellt, damit die nunmehr als Führungsmacht anerkannte Nation die neu an sie herangetragenen Ansprüche einlösen kann?

Kein Tag vergeht, an dem nicht Professoren Japans Weltrolle erörtern, Politiker neue außenpolitische Ideen vortragen, Bürokraten diplomatische Initiativen ergreifen und Konzernchefs auf der Einlösung internationaler Verpflichtungen bestehen. Damit in diesem vieltönigen Orchester auch der Dirigent nicht fehle, wurde im vergangenen November eigens ein neuer Regierungschef zu vornehmlich außenpolitischen Zwecken berufen: Kiichi Miyazawa, dessen große Auslandserfahrung bis in die dreißiger Jahre zurückreicht, kam nur an die Macht, weil er als einziger japanischer Politiker internationales Format versprach. An seine Seite trat mit Außenminister Michio Watanabe einer der robustesten und durchsetzungsfähigsten Politiker des Landes.

So hatte die Regierung bereits vorgesorgt, als Washington einforderte, was zu erwarten war: „Ihre Scheckbuchdiplomatie ist zu eng“, rief der amerikanische Außenminister James Baker Ende vorigen Jahres der in Tokio versammelten Diplomatenelite zu. Japan müsse in der Weltpolitik eine „Führungsrolle“ übernehmen.

Nur wenige Wochen später erstaunte Kiichi Miyazawa die Welt, als er im Parlament die bislang schärfste Rede eines demokratisch gewählten japanischen Regierungschefs gegen die amerikanische Schutzmacht hielt. Sein Wort von der „mangelnden Arbeitsethik“ in den Vereinigten Staaten erbitterte die verbündete Nation. Doch in Japan wußte der Premierminister die Regierungspartei geschlossen hinter sich. Trotz aller anschließenden Entschuldigungen war die Attacke Miyazawas genau gezielt. Denn ihr lag die Überzeugung zugrunde, daß nicht mehr Amerika, sondern Japan das Wirtschaftsmodell für die Welt abgibt.

Kaum jemand auf der asiatischen Seite des Pazifiks hegt daran noch Zweifel. Nicht allein der freie Markt des Westens, so lautet der immer deutlicher ausgesprochene politische Konsens in Asien, konnte im größten Erdteil neue Reichtümer schaffen. Verantwortlich für den Erfolg waren daneben gruppenorientierte Managementmethoden, industrielle Zielplanung und ein harmonisches Zusammenwirken zwischen Staat und Industrie – das alles, versteht sich, nach japanischem Modell.