Von Michael Schwelien

Miß USA hat einen Schönheitsfehler. Die 21jährige Shannon Marketic aus Kalifornien fährt einen japanischen Kleinwagen. Natürlich nicht offiziell. Zu den Krönungsgaben für die Miß-Wahl gehörte auch ein amerikanischer Buick. Und jetzt, da sie das General-Motors-Werk in Flint im Staate Michigan sah und mit treuherzigen Blicken von der „Würde und Qualität“ dieses uramerikanischen Wagens schwärmte, konnte der Werbemanager, der den PR-Besuch in der Fabrik steuerte, mit einer noch hübscheren Überraschung aufwarten: Marketic durfte sich ein größeres Buick-Modell aussuchen als das bisher ihr zugedachte. Um so peinlicher, daß die Jurastudentin, die es einmal zur Richterin am Supreme Court schaffen will, ihren Toyota trotz des Werbegeschenks nicht längst abgestoßen hat.

Der Präsidentschaftskandidat hat eine offene Flanke. Der 53jährige Pat Buchanan, Journalist beim Nachrichtensender CNN, fährt einen deutschen Luxuswagen. Nicht auf Wahlkampfreisen. Die schreckliche Wahrheit über den Mercedes des längst abgeschlagenen „Amerika zuerst“-Republikaners offenbarte ein Wahlkampf-Fernsehspot von Präsident George Bush. Genüßlich informierte Bushs Wahlkampfmanager: „Während unsere amerikanische Autoindustrie Not leidet, entschließt sich Pat Buchanan, ein ausländisches Auto zu kaufen.“

Der Senator ist nicht auf dem laufenden. Der 74jährige Howard Metzenbaum, ein Demokrat aus dem Bundesstaat Ohio, fährt ein Chrysler-Le-Baron-Kabriolett. Mit unverhohlenem Triumphgefühl erklärte seine Sprecherin: „Er kauft amerikanische Wagen, dafür hat er ein ausgeprägtes Gefühl – und er mag Kabrios.“ Metzenbaum und seiner Sprecherin war entgangen, daß Chrysler die gesamte Le-Baron-Produktion nach Mexiko verlagert und daß die amerikanische Regierung diesen Wagentyp bereits als „Import“ eingestuft hat.

Der Schönheitskönigin, dem Journalisten und dem Senator ist gemeinsam, daß sie ihre jeweiligen Autos vermutlich nach ihren finanziellen Fähigkeiten und ihren stilistischen Bedürfnissen kauften, ohne zu ahnen, welche Sprengkraft das alte Schlagwort „Buy American“ wieder entwickeln würde. Schon in den sechziger Jahren bediente sich die amerikanische Autoindustrie nationalistischer Untertöne. Eine weitverbreitete Fernsehreklame, ein Zeichentrickfilm, zeigte VW-Käfer, im Stechschritt vom Osten auf das Herz des nordamerikanischen Kontinents zumarschierend, und Datsuns, mit Kamikazebinden vom Westen her einfliegend, bis sich in der Mitte des Kontinents – Detroit! – eine schlagkräftige Truppe formierte und zu den Klängen des Star Spangled Banner die Invasoren in die Meere zurücktrieb. Heute, da ausländische Markennamen, weit voran die der Japaner, auf etwa jedem dritten Neuwagen in den Vereinigten Staaten prangen und der Tag nicht mehr fern scheint, an dem der japanische Marktanteil gar vierzig Prozent betragen wird, sind aber solche nationalistischen Ausrutscher alltäglich geworden. Direkt auf den Zweiten Weltkrieg anspielend und nicht etwa im noch irgendwie zu verniedlichenden Cartoon, tönte unlängst Chrysler-Chef Lee Iacocca: „Die Japaner sagen, daß all die jetzigen Probleme von uns selbst verschuldet seien. Das ist, als würde man unserer Armee die Schuld an Pearl Harbour geben, weil sie nicht (auf den Angriff der Japaner, Anm. d. Red.) vorbereitet war.“

Auf die japanische Injurie, viele amerikanische Arbeiter seien „faule Analphabeten, unfähig, Qualitätsprodukte herzustellen“, wie sie Japans Parlamentssprecher Yoshio Sakurauchi Anfang des Jahres verbreitete, reagierten die Geschmähten mit Plakaten, auf denen zu lesen war: „Wir sind die faulen Analphabeten, die die Bomben für Hiroshima und Nagasaki bauten.“ Und während die Anti-Japan-Stimmung vor zwei Jahrzehnten wegen des Wirtschaftswachstums folgenlos blieb, grassiert sie heute dank der noch nicht überwundenen Rezession.

Kein Produkt fällt so stark ins Auge wie das Auto, und keines ist volkswirtschaftlich so bedeutend. Rund 25 Millionen Amerikaner sind direkt oder indirekt in dieser Branche beschäftigt, praktisch jeder zehnte. Und mit ihr geht es scheinbar unaufhaltsam abwärts. Noch werden zwar mehr Autos in den Vereinigten Staaten gebaut als in Europa oder Japan. 1989 betrug der US-Anteil 36,6 Prozent, der europäische 35,9 Prozent und der japanische 27,5 Prozent an der Neuwagenproduktion dieser drei Regionen.