Von Fredy Gsteiger

Im Bericht, den Peter Egloff an den Hauptsitz des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK) nach Genf schickt, wird alles sehr nüchtern klingen: Austausch von Kriegsgefangenen und Zivilhäftlingen bei Nova Gradisca; 68 Kroaten aus Serbien in Empfang genommen, 24 Serben aus Kroatien mitgebracht; Einzelbefragungen durchgeführt.

Das Ausmaß der Tragödie lassen solche Protokolle nicht einmal erahnen. Peter Egloff, von Haus aus Völkerkundler und Journalist, hat noch vor wenigen Wochen Radiosendungen über Bartgeier im Alpenraum moderiert. Jetzt lernt er die Grausamkeit des jugoslawischen Krieges als Leiter der IKRK-Delegation in Osijek kennen. Er amtiert als Mittler, während ein serbischer Oberst und ein kroatischer Oberstleutnant auf einer zerschossenen Autobahntankstelle über die „Austauschware Mensch“ verhandeln. Derweil sitzen die Gefangenen mit hängenden Köpfen in den beiden Bussen. Daneben steht ein Lastwagen mit Leichen. Die Szene ist gespenstisch.

Ein serbischer Bauer ist Egloff schon beim ersten Gefängnisbesuch aufgefallen. „Ein Mann, der in sich ruht, ein schollenverbundener, ein guter Mensch.“ Nach kroatischem Gesetz ist er jedoch ein Terrorist. Der Landwirt sitzt zerstört und zitternd, unsicher wie ein kleines Kind im Bus. „Sagen Sie mir doch, wie soll ich mich entscheiden?“ fragt er den Rotkreuzmann. Soll er in kroatischer Haft bleiben, wo es ihn doch drängt, jetzt, im Frühsommer, da die Pflanzen sprießen, im Feld zu arbeiten? Oder soll er sich austauschen lassen, nach Serbien gehen, zu „seinem“ Volk, in ein Land, wo ihm nichts gehört, wo er nie gelebt hat, das ihm nie Heimat war?

Peter Egloff fühlt und leidet mit – und doch kann er nicht mehr tun, als sicherzustellen, daß die Wahl des Bauern respektiert wird. Am liebsten würde er den uniformierten Menschenhändlern beider Kriegsparteien ins Gesicht spucken. „Aber wem wäre damit geholfen?“

Im Büro von Patrick Gasser in Zagreb hängen Ansichtskarten. Sie zeigen lichte Berglandschaften aus der Innerschweiz – weit weg. Der IKRK-Delegierte Gasser verbringt seine Zeit häufiger in Enge und Düsternis, in Zellen. Heute nachmittag steht das Kerestinec-Gefängnis auf seinem Programm. Für manchen Häftling sind die Besuche der Rotkreuzdelegierten wie eine Nabelschnur zur Welt. Sie stärken die Hoffnung auf menschenwürdige Haftbedingungen. „Wenn wir die Eingekerkerten regelmäßig sehen und unter vier Augen sprechen, trauen sich die Behörden weniger, sie zu plagen und zu foltern.“

Gasser läßt sich gleich den ganzen Schlüsselbund für das Gefängnis geben, um stichprobenweise zu prüfen, ob die Genfer Konvention respektiert wird. Am guten Willen, meint Gasser, mangelt es in Kroatien kaum; doch nicht immer kann ihn die Politik auch durchsetzen.