Von Vera Gaserow

Ein abgegriffenes Stück Papier, oben links ein Paßbild, unten rechts das Emblem der Deutschen Demokratischen Republik. Amtlich bescheinigt wird: Auf Beschluß des Ministerrates der DDR vom 6. 10. 1972 wird der italienische Staatsbürger Ferrucio Zilli am 14. 11. 1972 aus der Strafvollzugsanstalt Berlin-Rummelsburg nach West-Berlin entlassen. Dauer der Haft: Zwei Jahre und drei Tage.

Was der heute 47jährige Ferrucio Zilli, von allen Timo genannt, in jenen zwei Jahren erlebt hat, wollte ihm niemand glauben, ja, nicht einmal anhören wollte man ihn. Schließlich hat er es selber verdrängt. Verdrängt, bis mit der Berliner Mauer auch der Schutz vor der Erinnerung zusammenbrach, Erinnerung an die unzähligen Fußtritte in Bauch und Gesicht, an die Schmerzen in den Schulter- und Fußgelenken, wenn der Körper, stundenlang an den Händen aufgehängt, nur mit den Fußspitzen den Boden berühren durfte, an die Anstrengung, stärker sein zu wollen als all diese gezielten Erniedrigungen – die Erinnerung an zwei Jahre Folter mitten im damals zweigeteilten Deutschland.

Timo Zilli erzählt seine Geschichte, und es bereitet ihm noch heute unübersehbare Qual:

Sie beginnt 1962 im norditalienischen Alesso. Dort sucht der damals Siebzehnjährige nach einem Ausweg, dem strengen Vater und dem Militärdienst zu entkommen. Er läßt sich als Gastarbeiter nach Deutschland anwerben. Mehr zufällig bleibt Zilli 1965 nach einer Odyssee durch Europa in West-Berlin hängen. Die Stadt gefällt ihm, die Studenten sind im Aufbruch. Man trifft sich zum Diskutieren in Kneipen und im Republikanischen Club. Zilli lernt Rudi Dutschke und Gudrun Ensslin kennen. Er selbst schließt sich einer linken, undogmatischen italienischen Immigrantengruppe an. Über zwei Punkte streitet er immer wieder mit seinen Genossen: über die Frage der Gewalt und den Schießbefehl an der Mauer, den er schrecklich findet. Ansonsten hat er – wie die meisten seiner politischen Mitstreiter – mit dem Staat hinter der Mauer nicht viel zu tun. Bis zum 11. November 1970.

An diesem Tag, es ist Karnevalsbeginn, kommt Timo Zilli angetrunken von einer Betriebsfeier. Auf dem S-Bahnhof Friedrichstraße muß er umsteigen. Zwei Stationen sind es noch zu seiner Wohnung. Auf dem Bahnhof gerät er mit einem Vopo aneinander, der vor der Halle zum Grenzübergang Wache schiebt. „Hau ab, du besoffenes Schwein!“ raunzt der ihn an und gibt ihm einen Schubs. Zilli verliert den Halt, hangelt sich am Ärmel des Uniformierten hoch, der prügelt mit dem Gummiknüppel auf ihn ein. Verstärkung wird gerufen. Mehrere Vopos fallen über Timo Zilli her, schleppen ihn in eine Zelle des Bahnhofsgebäudes. Zilli brüllt: „Ihr könnt nichts anderes als Leute schlagen und auf eure Brüder an der Mauer schießen!“ Er wird bis zur Besinnungslosigkeit verprügelt.

Am nächsten Morgen transportiert man ihn, bäuchlings in einer grünen Minna liegend, zur Vernehmung ins Polizeirevier Alexanderplatz. Ein junger Mann in Zivil schreit ihn an: „Packen Sie aus! Alles!“ Zilli weiß nicht, was „alles“ ist. Er widerspricht. Seine Hände und Füße werden an einen Stuhl gefesselt, wieder wird er geprügelt. Irgendwann kann er nur noch schreien: „Ihr Nazis!“ Dann gibt er auf und unterschreibt ein weißes Stück Papier. Was er damals unterschrieben hat, weiß Timo Zilli bis heute nicht.