Von Peter Schöttler

Am 23. April erlebte das intellektuelle Paris eine kleine Sensation. Le Monde und Liberation widmeten ihr jeweils drei Seiten, auch das französische Fernsehen berichtete ausgiebig. Dabei geht es nur um ein Buch, das freilich in der Geschichte der Philosophie ohne Beispiel ist. Sein Titel: „L’avenir dure longtemps“, zu deutsch: „Die Zukunft ist offen“, ein Zitat von Charles de Gaulle. Sein Autor: der im Oktober 1990 verstorbene Philosoph Louis Althusser. Ein Verfemter und nahezu Vergessener. Denn am 16. November 1980 tötete Althusser seine Frau Hélène. Das Mordverfahren wurde 1981 eingestellt, der Philosoph für unzurechnungsfähig erklärt. Zehn Jahre lang lebte er dann in psychiatrischen Anstalten, die er nur für kurze Perioden, in denen die Ärzte etwas Hoffnung schöpften, verlassen durfte. In einer dieser Phasen der Besserung, im Frühjahr 1985, schrieb Althusser – „für meine Freunde und vielleicht auch für mich“ – ein Manuskript von über 300 Seiten, in dem er sein Leben, seine Überzeugungen und die Entwicklung seiner manisch-depressiven Psychose bis hin zum Mord und zur Selbstzerstörung zu schildern versuchte.

Dieses einzigartige Dokument, in dem ein jahrzehntelang psychiatrisch und psychoanalytisch behandelter Philosoph seine Ängste und Halluzinationen, seine geheimsten Wünsche und Hoffnungen herausschreit, liegt nun gedruckt vor. Ein Schock: nicht nur für jene, die Althusser kannten und mit ihm befreundet waren (sie wußten oder ahnten manches), sondern vor allem für die vielen, die einst seine Texte lasen und für die er zum Mythos wurde. Denn in den sechziger und siebziger Jahren war Althusser einer der bekanntesten französischen Intellektuellen, sein Ruhm reichte fast an den Sartres heran. Seine Bücher mit den programmatischen Titeln „Für Marx“ und „Das Kapital lesen“ waren in aller Munde. Neben Claude Levi-Strauss, Jacques Lacan und Michel Foucault (der übrigens sein Schüler war) galt Althusser als einer der Hauptvertreter des sogenannten „Strukturalismus“, jener gegen den Existenzialismus der fünfziger Jahre gerichteten Denkströmung, die er für eine Erneuerung des Marxismus nutzen wollte.

Obwohl viele der von Althusser geprägten Fragestellungen und Begriffe (epistemologischer Einschnitt, theoretische Praxis, Überdeterminierung, ideologische Apparate) in die akademische Alltagssprache eingegangen sind und einige seiner Studenten weltberühmt wurden (Foucault, Bourdieu, Derrida), ist er selbst, ist sein Name einer eigentümlichen Verdrängung anheimgefallen: so als ob das Ende des „realen Sozialismus“, dem Althusser seit langem skeptisch und dann ablehnend gegenüberstand, oder das Verschwinden des Marxismus als Diskurs kurzschlüssig mit dem Mord an Helene Althusser zu verknüpfen wären. Dabei war es Althusser, der 1977 in Venedig für Aufsehen sorgte, als er auf einer internationalen Tagung über die Dissidenz in Osteuropa einen Vortrag hielt mit dem Titel: „Endlich ist die Krise des Marxismus ausgebrochen!“ Aber das wurde schnell vergessen. Rückblickend drängt sich deshalb der Eindruck auf, daß die jahrelange Tabuisierung seines Namens in den französischen Medien für viele Intellektuelle auch eine bequeme Möglichkeit bot, die eigene marxistische Vergangenheit gleich mit zu vergessen. Aber das Verdrängte kehrt bekanntlich stets zurück: Die ungewöhnliche Resonanz der Althusserschen „Autobiographie“, die schon nach einigen Stunden in den Pariser Buchläden vergriffen war, läßt sich wohl nur so erklären.

Das aus Althussers Nachlaß zusammengestellte Buch enthält zwei Texte: eine kurze Skizze von 1976, die für ein Zeitschriftenprojekt seines Schülers Régis Debray bestimmt war, und jenes große Manuskript von 1985, dem Althusser ursprünglich den Untertitel gab: „Kurze Geschichte eines Mörders“. Der erste Text, vier Jahre vor der Katastrophe geschrieben, ist voller Witz und Ironie; die Schrecken der Kindheit und das Grauen der Krankheit werden durch schalkhafte Irreführungen aufgehoben. Der Autor hat seinen Text später als canular bezeichnet, als Gag, in dem Dichtung und Wahrheit fröhlich durcheinandergehen.

Die zweite Autobiographie dagegen, nach der Katastrophe, ist ernst, ja pathetisch. Althussers schwarzer Humor tritt seltener auf, die Anstrengung des Lebens – aber nicht des Schreibens – ist zu spüren. Dabei benutzte er sein Manuskript von 1976 wie einen Steinbruch und übernahm manche Formulierung. Ohne diese Skizze hätte er „Die Zukunft ist offen“ wohl kaum innerhalb von zwei bis drei Wochen herunterschreiben können. Aber die Perspektive ist jetzt eine völlig andere: Während Althusser damals nur einige biographische Geheimnisse lüften wollte – er war bald sechzig Jahre alt –, will er später seine Lebenslügen beim Namen nennen. Mit dem Mut des Verzweifelten und vermutlich ahnend, daß es unmöglich ist ...

Althusser meinte, keine andere Wahl zu haben: Da sein Mord nie gerichtlich geahndet worden, also nie öffentlich zur Sprache gekommen war und folglich auch nicht durch eine Gefängnisstrafe gesühnt werden könne, hatte er nie die Möglichkeit, seine Tat zu „erklären“. Er war verurteilt ohne Urteil, er lebte wie ein lebendiger Toter in einer Außenwelt, in der ihn nur ab und zu einige Menschen besuchen kamen. Eine Rückkehr ins Leben, wie sie sonst fast allen Verbrechern, auch den schlimmsten, irgendwann zugestanden wird, blieb ihm verwehrt.