Gehören Sie noch zu jenen prähistorischen Fossilien, die ganz unbefangen herumlaufen und Vokabeln benutzen, die inzwischen längst obsolet sind? Nennen Sie Ihre Mitmenschen „betrunken“ oder „fett“ oder reden sie gar als „na, Kleiner“ an? Sind Sie ungehobelt genug, daß Ihnen Wörter wie „Zeitung“, „Amerika“ oder auch „Langweiler“ entfahren? Sie leben, soviel ist klar, in einem vergangenen Zeitalter, aus dem unser kolonialistisches Erbe, die unselige, eurozentrische Sucht, uns selbst für das Maß aller Dinge zu halten, noch laut und aufdringlich nachhallt.

Amerika aber, die multikulturelle Gesellschaft schlechthin, erlebt die sensiblen neunziger Jahre, die Ära der „politisch Korrekten“. Diese vorwiegend an den Colleges und Universitäten anzutreffenden Politmissionare sind Menschen, die sich durch eine ungeahnte Feinfühligkeit gegenüber ihrer Umwelt auszeichnen. Niemandem wollen die politisch Korrekten zu nahe treten – nicht mal einer Topfpflanze. Alle Lebewesen haben ihre Rechte und verdienen unseren Respekt. Aus diesem Grunde bietet sich eine völlig neue, nichtsexistische, nichteurozentrische, aufklärerische Umgangssprache an, die zum Beispiel eine Topfpflanze nicht mehr als solche, sondern als „botanischen Begleiter“ charakterisiert. Das neue Bewußtsein erfordert eine neue Sprache. Sie ist daher kein modisch-oberflächliches Gebrabbel, sondern reflektiert vielmehr das Bemühen um eine völlige philosophische Neuorientierung.

Um Ihnen ein Beispiel zu geben, wollen wir nun die eingangs erwähnten Sätze revidieren. Statt des Alt-Wortes „betrunken“ (drunk) gilt das verständnisinnige „chemisch unpäßlich“ (chemically inconvenient). „Fett“ ist heutzutage niemand mehr; er hat bloß „ein anderes Körper-Image“. Ein „Kleiner“ ist einer, der „vertikal herausgefordert“ (vertically challenged) ist. Die Zeitung hört auf, einfach ein wertneutrales Objekt zu sein, und wird zur „verarbeiteten Baumleiche“. Während man früher gewisse Leute schnell als „langweilig“ abtat, tut der sensible Mensch der neunziger Jahre gut daran, das wesentlich neutralere „anders interessant“ oder doch zumindest das schon ein wenig schärfere „charmefrei“ zur Anwendung zu bringen. Auch das vernichtende Wort „faul“ wird heute niemandem mehr ins Gesicht geschleudert – vielmehr bietet sich das wesentlich mäßigere „motivationsmäßig defizient“ an.

Auch bei der korrekten Bezeichnung von Nahrungsmitteln gilt es umzudenken. Einfach Eier oder Honig zu besorgen ist passé. Vielmehr empfiehlt es sich, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und sie als „gestohlene Produkte“ zu bezeichnen.

Besondere Rücksicht ist gegenüber anderen Kulturen geboten, die früher einfach über den Haufen gerannt und vernichtet wurden. So wird der aufgeklärte Multikulturalist sich davor hüten, von „Amerika“ zu sprechen und damit eine Flut politisch inkorrekter Assoziationen heraufzubeschwören. Der korrekte Terminus für Amerika – und es ist schon schlimm genug, daß wir uns dabei der Kolonialistensprache Englisch bedienen müssen – ist das indianische, pardon: „native American“ Wort „Turtle Island“.

Sie merken schon: Es ist nicht leicht, über Nacht ein politisch korrektes Vokabular zu lernen. Hilfe leistet hier ein Ratgeber, ohne den wir alle die neunziger Jahre kaum überleben werden: „The Official Politically Correct Dictionary and Handbook“ von Henry Beard und Christopher Cerf (Villard Books, New York, 1992). Das Buch trägt eine Widmung, die den Lesern nicht vorenthalten werden soll: „Für die ehemalige Donna Ellen Cooperman, die, nach mutigen und jahrelangen Kämpfen mit der Justiz des Staates New York, endlich das Recht erstritt, nunmehr Donna Ellen Cooperperson zu heißen.“ Vera Graaf