Den Böcker muß man sehen. Den macht uns keiner nach. Ein fetter preußischer Buddha, wie von George Grosz gezeichnet, hockt auf der Anklagebank, grinst hochmütig, kaut seinen Gummi und besteht Richter Kamps pastorales Examen: „Sie zählen sich wohl, salopp gesagt, auch zu den Glatzen?“ – „Nee, eigentlich nicht“, sagt Böcker, auf dessen rechten Fingern H-A-S-S tätowiert steht, in SS-Runen. „Sind Sie hitlerfreundlich?“ – „Nee, würd’ ich nicht sagen.“ – „Nationalsozialistisch?“ – „Nee, so Kaiserreich rum. Ich bin ein rechtsextremer Jugendlicher.“ – „Extrem ist mir zu ungenau. Sind Sie gewaltbereit?“ – „Nee“, sagt Böcker, „mehr so, na, äh, mit Plakate kleben.“

Bar jeder Gewaltbereitschaft und versehen mit einem Fallschirmjäger-Messer, weilte Sven Böcker, damals achtzehnjährig, am Abend des 24. November 1990 in der Eberswalder Heavy-Metal-Diskothek „Rockbahnhof“ und pichelte sich einen an. Zwölf halbe Liter Bier, ein Viertel Brauner und ein Fläschchen Rotwein waren verdrückt, als zu vorgerückter Stunde die Parole zum Abmarsch kursierte. Etwa vierzig Skins und Heavy Metals zogen zum „Las Vegas“, um dort Linke „aufzuklatschen“, wie es Richter Kamp, bemüht um „sozial adäquate Sprache“, nun auch schon scheu über die Lippen kommt.

Sie rannten um ihr Leben

Das „Las Vegas“ war geschlossen. Der Zug schwenkte um in Richtung „Hüttengasthof“, damals die einzige Eberswalder Diskothek, in der Ausländer noch gerngesehene Gäste waren. „Deutschland den Deutschen!“ grölend, demolierte die freie deutsche Jugend einheimische Autos und einen Döner-Stand. Sven Böcker trat gegen einen vorbeifahrenden Golf. Der Fahrer stieg entrüstet aus. Böcker packte ihn, zog das Messer und fragte den Mann, ob er „rasiert werden“ wolle. Er wollte nicht. Böcker zog enttäuscht weiter.

Inzwischen hatte Horst Schulz, der Wirt des „Hüttengasthof“, vom Anzug der Meute gehört und rasch sein Lokal geschlossen. Die Afrikaner rannten um ihr Leben. Kay-Nando Böcker drosch einem die Baseball-Keule über den Kopf. Sven fühlte sich von einem anderen gerempelt. „Der kam mir vor wie ’n Selbstmörder. Dazu hat er noch so eklig gegrinst.“ Das Messer ging auf. „Ich hab’ zunächst in Richtung seines Kopfes gearbeitet.“ Er traf. Der Angolaner Francisco Dos Santos erlitt Schnittwunden im Gesicht und am Gesäß.

Dos Santos tritt als Zeuge auf. „Sprechen Sie Deutsch?“ fragt Kamp. „Ja, ein bißchen.“ – „Das klingt doch schon ganz gut, hm? Sind Sie mit jemandem im Saal verwandt oder verschwägert?“ Dos Santos begreift nicht, schaut auf die Angeklagten und sagt ja. Nebenkläger Reimann beantragt einen Dolmetscher. Der Antrag wird abgelehnt. Richter Kamp obsiegt und triumphiert. Der Photograph der Super-Illu knipst heimlich die Zeugen. Kamp sieht’s erst nach empörten Zurufen. Der Super-Bildner darf seinen Film behalten. „Bitte“, sagt Kamp und legt ihm die Hand auf den Arm, „bitte veröffentlichen Sie nichts.“

Der kleine Westberliner Anwalt Roland Reimann ist der mutigste Mann im Gericht. Als Nebenkläger für Antonios Söhnchen hat er nur eingeschränktes Fragerecht, will aber dennoch Sven Böckers politisches Credo vertiefen. Der Richter würgt ab: Der Angeklagte werde überfordert. Verteidiger Kohrs gähnt bereits zum Erbarmen. Verteidigerin Seidel erklärt, Reimann stehle nur Zeit, es höre kaum einer zu. Entrüstung im Saal ob dieser Frechheit. Der Eberswalder In- und Ausländerkreis verteilt ein Flugblatt: Die rassistischen Motive der Tat würden systematisch ausgeblendet, denn der Prozeß behandele nur „Körperverletzung“ mit Todesfolge.