BUCH IM GESPRÄCH
Ein christlicher Moralist
Von Rolf Schneider
Der Name Johannes kommt im Neuen Testament mehrfach vor. Zunächst trägt ihn jener essenische Bußprediger, dem die Christenheit das Brauchtum der Taufe verdankt. Dann gibt es den als Lieblingsjünger Jesu geltenden Apostel, es gibt den Evangelisten und den (möglicherweise mit diesem identischen) Autor der Apokalypse. Bei Erich Mielkes Staatssicherheitsbehörde trug der Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer den Code-Namen Johannes. Es scheint, als hätten die Stasi-Leute hier einige theologische Bildung aufgeboten, denn Friedrich Schorlemmer, hat von allen genannten biblischen Johannes-Gestalten in der Tat ein wenig.
Er wurde breiteren Kreisen bekannt kurz vor dem Umsturz in der DDR, Spätsommer 1989, durch ein heimlich produziertes TV-Interview, darin er sich mit großem politischem Freimut äu-
Friedrich Schorlemmer: Worte öffnen Fänste Die Rückkehr in ein schwieriges Vaterland; Kindler Verlag, München 1992; 415 S., 28,- DM ßerte, und durch seinen Auftritt bei der Kundgebung vom 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz, wo er nach vieler Leute Meinung die weitaus beste Rede hielt. Seither gilt er als ein wichtiger ostdeutscher Zeitzeuge. Seine Teilnahme an Talk-Shows, Podiumsdiskussionen und öffentlichen Gesprächen hat eine fast schon beängstigende Frequenz erreicht.
Noch hält seine Prominenz, im Gegensatz zu vielen anderen Aktivisten vom Herbst 89, die heute kaum einer mehr kennt. Schorlemmer widerstand der Versuchung zur großen politischen Karriere, in der das Scheitern häufiger ist als der Erfolg, aber er verweigerte sich auch nicht derart, daß er heute nicht als Abgeordneter und Fraktionschef im Wittenberger Stadtparlament säße. Sein Hauptgeschäft blieb die Theologie, wie sie das auch schon vorher immer gewesen war. Er wurde frühzeitig politisiert, unter dem Zwang von äußeren Umständen, nicht aus urwüchsigem Bedürfnis. Für ihn sind Politik wie Kirche zunächst ethische Räume. Er ist ein christlicher Moralist. Das sichert ihm sein beträchtliches Charisma, wie es zugleich seine Naivität befördert, die ihn das eine und andere Mal recht schmerzhaft stolpern ließ.
Sein Buch „Worte öffnen Fäuste" (ein grauenvoller Titel) mischt Lebensbeichte, Geschichtsbetrachtung und Dokumentation. Es ist ein wenig zu kurzatmig verfaßt. Es springt hastig zwischen Zeiten und Themen und ist, in seinen besseren Partien, die durchweg der ersten Buchhälfte zugehören, ein überaus aufschlußreiches Protokoll vom allmählichen und unausweichlichen Kollaps der alten DDR. Da werden Episoden zusammengetragen, die von Mißtrauen und Leerlauf handeln, von Lethargie, Hoffnung, Aufbegehren und bürokratischer Knebelung. Vieles wirkt nicht besonders sensationell, aber genau so war das: Die DDR verkam an ihrer immer leerer laufenden Banalität. Der Pfarrer Schorlemmer, der sich davon nicht depravieren lassen mochte, wehrte sich, mit Briefen, Aufrufen, Interventionen und, immer wieder, mit Predigten.
Vieles davon wird hier im Wortlaut abgedruckt. Manchmal liest es sich, von heute her, durchaus harmlos. Einzelnes wirkt fast ein wenig blutleer, was aber vor allem daran liegt, daß dies vom Duktus her gesprochene Worte sind. Man braucht die sinnliche Vorstellung des jünglingshaften, gelegentlich etwas eifernden Kanzelredners Friedrich Schorlemmer, im Talar oder ohne, um für sich die erhebliche Wirkung, die das besaß, ganz nachvollziehen zu können.
Schorlemmer erzählt die Erfahrungen mit dem Demokratischen Aufbruch, jener kurzlebigen Wende-Partei, die er mit begründete und die er bald wieder verließ. Er schildert seine Hoffnungen und Enttäuschungen aus den Monaten des Umbruchs. Die besondere Prägung, mit der die DDR selbst ihre widerständischen Geister ausstattete, haftet an Schorlemmer stärker, als er es sagt und womöglich selbst weiß. Überraschende politische Visionen, die deutsche Zukunft betreffend, stehen ihm nicht zur Verfügung, was man ihm nicht anlasten darf. Seine sämtlichen Grundvorstellungen sind vorformuliert in den Texten des Alten und Neuen Testaments, und die sind schon zweitausend Jahre alt.
- Datum 24.7.1992 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.07.1992 Nr. 31
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