Von Hans Harald Bräutigam

In vielen Krimis spielt der Gerichtsmediziner die wichtigste Nebenrolle. Meistens ist er es, der die geheimnisvollen Umstände von Mord oder Totschlag aufklärt, den Tatzeitpunkt auf die Minute genau bestimmt und bei der Blutuntersuchung dem Täter auf die Spur kommt. In Wirklichkeit sind Rechtsmediziner öfter auf der Jagd nach Kunstfehlern: Bei der Leichenöffnung ist es eben leichter, Behandlungsfehler zu erkennen. Bei ihren ärztlichen Kollegen gelten sie deshalb auch als „postmortale Klugscheißer“. Gerichtsmediziner sind unbeliebt, weil für sie nur Tatsachen zählen. Meistens haben sie auch noch recht. Das vertragen besonders ihre praktizierenden Kollegen nur schwer, denen die Patienten manchmal nur aus purer Unwissenheit dankbar sind.

Von dieser Regel scheint Otto Prokop, der frühere Chef des Gerichtsmedizinischen Instituts an der Berliner Humboldt-Universität, die große Ausnahme zu sein. Er verbreitet keine Furcht, sondern Bonhomie. So sieht er auch aus: bullig und vertrauenerweckend. Dazu ist er mit Wiener Tonfall und einem Lächeln gesegnet, die das Leben erleichtern, sogar in der früheren DDR.

Die hat den Österreicher aus St. Pölten aus gutem Grund gehegt und gepflegt. Rechtsmediziner waren auf ihrem Territorium selten, besonders so vielversprechende wie Otto Prokop, der sich schon in jungen Jahren einen Ruf als Blutgruppenspezialist erworben hatte. Die ehrgeizigen Wissenschaftsfunktionäre strengten sich mächtig an, um einen Mann wie Prokop anzulocken. Sie sorgten für einen gut ausgestatteten Arbeitsplatz mit – DDR-Sprachgebrauch – vielversprechender Perspektive. Außerdem wurde er mit prestigeträchtigen Orden behängt zum Beispiel dem Stern der aufgehenden Sonne aus Japan oder in seiner Wahlheimat mit dem eher suspekten Vaterländischen Verdienstorden in Gold. Im Glanz des berühmten Rechtsmediziners mit den vielen Doktorhüten hat sich auch der Staat gesonnt. Immerhin gehörte Otto Prokop zu den wenigen Wissenschaftlern, die von West nach Ost gewandert waren.

Der ehrgeizige junge Oberassistent am gerichtsmedizinischen Institut der Universität Bonn erhielt 1957 einen Ruf an die Humboldt-Universität. Obwohl die leider in Ost-Berlin lag, nahm Prokop den Ruf an; Ehrensache – aber nicht nur. Nach einem ungeschriebenen Gesetz der scientific Community sollen junge Gelehrte die erste Berufung nicht ausschlagen. Der berühmte Bonner Medizinprofessor Paul Martini hatte ihn zu diesem Schritt ermuntert: „Kollege, drüben leben auch deutsche Studenten.“

„Drüben“ konnten Wissenschaftler auch Karriere machen, zumal angesehene Ärzte und Forscher selten waren. Die Aussicht auf Karriere war deshalb auch sicherer.

Prokops Weg an die Spitze der Gerichtsmedizin war atemberaubend: Neben der Lehrkanzel in Berlin mußte Prokop für drei Jahre zusätzlich die Aufgaben eines kommissarischen Institutsdirektors an den Universitäten in Leipzig und Halle übernehmen. Gerichtsmediziner leben zwangsläufig in gewisser Nähe zum Staat. Das hätte eigentlich in der DDR gefährlich sein müssen, stellt man sich im Westen vor.