Von Iris Radisch

Amanda, die Muse dreier Herren. Blaß und mutlos sieht sie auf den Coverphotos aus. Eine junge Frau mit elegischer Kopfhaltung. Was ist in sie gefahren? Neben den Photos ein prunkender Schriftzug: „Amanda herzlos“. „Jurek Becker“, so wirbt der Suhrkamp Verlag für seinen ersten Titel dieses Herbstes, „erzählt – endlich wieder seit ‚Bronsteins Kindern‘ –, erzählt, läßt erzählen, läßt lieben, gewinnen, scheitern, verlieren.“ Was ist in den Verlag gefahren?

Amanda, das Covergirl, wohnt in Ostberlin. Denn Jurek Becker, der seit fünfzehn Jahren im Westen lebt und uns mit amüsanten Fernsehserien erfreut, schreibt noch immer über den Osten. Obwohl er ihn, wie sein Roman beweist, kaum mehr kennt.

Drei Herren – Ludwig, Fritz und Stanislaus – sind in Amanda verliebt. Sie erzählen ihre Geschichte von Amanda und sind damit die wahren Autoren dieses Buches. Obwohl sie sich das, wie der Roman beweist, besser erspart hätten. SED-Sportreporter Fritz Weniger rapportiert mit dürren Worten das Scheitern seiner Ehe mit Amanda für den Scheidungsanwalt. Der von Amanda verlassene Dissident und Schriftsteller Ludwig Hetmann verfaßt ein kleines Wortkunstwerk, eine Schlüsselnovelle über „Rudolph und Louise“ alias Ludwig und Amanda, die er „kunstvoll“ mit seinem Erlebnisbericht „verschränkt“. NDR-Korrespondent Stanislaus Doll führt ein Tagebuch, eine Chronik der glücklichen Ereignisse. Denn der Prinz aus dem Westen darf mit der Prinzessin ausreisen, kurz bevor die Mauer fällt. Happy-End der Geschichte und der Weltgeschichte fallen zusammen.

Drei nette Herren erzählen drei launige Geschichten über eine schöne Frau im Sozialismus. So aufrichtig wie möglich, so verlogen wie nötig. Am Ende unterscheiden sich ihre Berichte nur unmerklich voneinander, denn sie sind alle im selben Duktus der Gemütlichkeit verfaßt. Hetmann, Weniger und Doll sind keine Autoren, sondern drei prima Kerle aus dem Vorabendprogramm, ganz in ihrer kleinen Welt, ihren großen Gefühlen, in ihren männlichen Eitelkeiten und sprachlichen Klischees zu Hause. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn das nicht schon alles wäre.

Der tumbe Charme des Mittelmaßes, mit dessen Hilfe der wunderbare Fernsehanwalt Liebling aus Kreuzberg die Herzen rührt, macht noch keinen Roman. Nichts und niemand, von dem Jurek Becker hier „endlich wieder erzählt“, hinterläßt einen Eindruck.

Abgesehen von dem linientreuen Biedermann Weniger und Amandas Mutter, einer Parolen spuckenden Sprechblasenfigur, kommt die DDR in diesem Roman beinahe nicht vor. Ein paar Ledermantelmenschen und Parteiabzeichen garnieren ein politisches Idyll, in dem Reporter Doli zum Zeitvertreib konspirative Brathähnchen über die Grenze schmuggelt oder Amanda aus Gründen der weiblichen Selbstverwirklichung in einer Kirchengruppe Protestresolutionen verfaßt. Selbst in den letzten Wirren der untergehenden Republik bemerkt NDR-Korrespondent Doll lediglich „ein Knäuel aufgeregter Menschen, in dessen Mitte ein Polizeiwagen steht“. Und kurz vor dem Fall der Mauer heißt es nur: „Die Stadt zittert vor Unruhe.“ Das ist alles und nicht viel mehr als eine Pappkulisse.