Von Ernst-Michael Brandt

Rostock-Lichtenhagen

Auf dem Rasen vor dem Großplatten-Wohnblock Mecklenburgische Straße 1 bis 12 spielt sich am frühen Montagabend eine absurde Szene ab: In kleinen Gruppen stehen Polizisten in Kampfmontur herum und plaudern mit jungen Leuten. Am Rand der Wiese drängen sich erwartungsvoll ältere Bewohner des Satellitenstädtchens. So richtig gemütlich machen es sich die Mieter der umliegenden Häuser; sie haben sich Kissen auf Fensterbänke und Balkonbrüstungen gelegt, halten Videokameras und Photoapparate bereit. Alles wirkt nett, so als erwarte man den Auftritt einer Feuerwehrkapelle beim Stadtteilfest. Zwei Zehnjährige sehen auf die Uhr: „In zwei Minuten geht’s los.“

Dann ist es 20 Uhr: Die Polizisten heben ihre Schutzschilde auf – und ziehen ab. Das ist das Zeichen. Aus dem Pulk der Umstehenden lösen sich Jugendliche und werfen mit Pflastersteinen und Nebelkerzen. Die Polizei zieht sich im Laufschritt zurück, das Volk johlt und rennt hinterher. „Endlich is’ hier was los, Schnucki“, sagt ein gutgekleideter Mittvierziger zu seiner Frau. Schnucki nickt zufrieden und beruhigt die beiden Pudel. Das Warten vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber hat sich gelohnt.

Ein Mädchen kreischt begeistert: „Jetzt haben sie ein paar Bullen in der Mangel.“ Als zehn Uniformierte auf ihre Schilde trommeln und etwas kläglich„uahhh“ schreien, schwappt die Menge zurück. Skinheads sind kaum darunter, viele haben ein fast intellektuelles Outfit, der Rest ist vom Typ: netter, hilfsbereiter Junge von nebenan – bloß in letzter Zeit trinkt er vielleicht ein bißchen viel Bier. „Wohin rennt ihr, ihr feigen Schweine“, brüllt einer der Rädelsführer den Flüchtenden nach, „kommt zurück, knallt den Bullen ’n paar drauf!“ So begann die dritte heiße Nacht von Rostock.

Schon am Sonnabend und am Sonntag zuvor hatten 150 Rechtsradikale und 500 Sympathisanten versucht, das Heim zu stürmen. 150 Polizisten am ersten Tag, 500 am zweiten sollten die 200 Asylbewerber aus Polen und Rumänien schützen. Nach stundenlangen Straßenschlachten mit Molotowcocktails und Pflastersteinen war der Spuk erst einmal vorbei. Bilanz: mehr als hundert Beamte verletzt, einer von ihnen lebensgefährlich.

Brave Rostocker Bürger hatten den Verbrechern Beifall geklatscht und „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus“ gegrölt. Sie hatten die Jungnazis angefeuert, wenn ihre Energie auszugehen drohte. „Haut die dreckigen Zigeuner raus“, hatten Mütter gerufen. „Denen stecken sie alles in den Arsch, und wir Deutschen müssen dafür bluten.“

Bis zur Wende waren sie folgsame DDR-Bürger gewesen. Meist besonders folgsame, denn nur die bekamen bei dem extremen Mangel an Wohnraum relativ schnell eine der begehrten Neubauwohnungen. Inzwischen ist aus dem Privileg, in einer der vier Siedlungen an der Ausfallstraße nach Warnemünde zu leben, ein Makel geworden: Der einst begehrte Standard reicht gerade noch an den westlicher Sozialwohnungen heran.

Dabei waren die Rostocker Neubauten wegen ihrer recht soliden Konstruktion und der abwechslungsreicheren Architektur geschätzt. Vielleicht wären die Bewohner noch heute ganz zufrieden, gäbe es nicht die „unabhängigen und überparteilichen“ Zeitungen. Die haben vor der Wende das

SED-Wohnungsbauprogrammm über den grünen Klee gelobt und schildern nun ihren Lesern die Neubausiedlungen als Hort der Hoffnungslosigkeit und Brutstätte der Kriminalität. Zudem hat der Hauptarbeitgeber Warnowerft dichtgemacht, auch eine riesige Jeans-Näherei. Jugendclubs gibt es fast keine mehr, und selbst beschönigende Statistiken melden über zwanzig Prozent Arbeitslose.

Wenn sich die Kinder der ehemaligen Funktionäre in der Disco vollaufen lassen, singen sie alte FDJ-Lieder, wenn sie vollends betrunken sind, grölen sie „Sieg Heil“. Aus Privilegierten wurden Underdogs. Gut vierzig Prozent der Ostdeutschen haben die Schuldigen bereits ausgemacht: Für den schleppenden Aufschwung Ost sind die Asylbewerber verantwortlich. Und denen geht es nun endlich an den Kragen.

Zwei verfettete Glatzköpfe zeigen Mut. Sie stellen sich vor den Polizeikordon, wedeln mit der Deutschlandfahne und der Reichskriegsflagge. Als schließlich einer dem anderen aus seiner Büchse Bier in eine leere Grüne-Punkt-Flasche füllt, wittert die Polizei den Brandsatz und stürmt vor.

Jetzt gibt es kein Halten mehr, Pflastersteine fliegen von allen Seiten, und die ersten Mollis schlagen unter Jubelrufen zwischen den Polizisten ein. Die erhalten zwar endlich Verstärkung, doch während ihre dilettantischen und halbherzigen Stoßtruppversuche ins Leere laufen und zwei Wasserwerfer aus München und Schwerin Sprühregen in die Luft blasen, prasseln scharfkantige Steine, Flaschen und Molotowcocktails von überall her nieder. Ein paar Anwohner stürmen auf die Straße und bringen ihre Autos in Sicherheit: „Jungs, ich find eure Aktion ja gut, aber schmeißt mir nicht die Scheiben ein.“ Von den Balkonen tönt es genauso wie aus der aufgeputschten Bande: „Ausländer raus! Sieg Heil! Deutschland den Deutschen!“

Die mecklenburgische Landesregierung aber, vom Ausbruch der Gewalt überrascht und überfordert, zeigt – bei allem Bedauern – sogar Verständnis für den Mob. Ministerpräsident Bernd Seite verteidigt die Rostocker: Sie seien keineswegs ausländerfeindlich, sie seien nur nicht bereit, den Mißbrauch des Asylrechtes hinzunehmen. Sein Innenminister Lothar Kupfer legt noch nach: Wenn 200 Asylbewerber auf engstem Raum zusammenleben müssen, setze das eben Aggressionen bei den deutschen Nachbarn frei. Die meisten haben anscheinend längst vergessen, wie sie im Hafen von Warnemünde sehnsüchtig der Fähre nachgeschaut haben: ferne Länder, weites Meer, dunkelhäutige Frauen. Wenn die dann eines Tages vor einem überfüllten Wohnheim kampieren, ihre Notdurft hinter Sandrosenbüschen verrichten, ihren Müll auf den verrotteten Abenteuerspielplatz werfen und auch noch betteln, ist es mit dem Fernweh endgültig vorbei.

Den Politikern waren die unhaltbaren Zustände seit dem Frühsommer bekannt. Ungehört warnte Rostocks Ausländerbeauftragter vor Ausschreitungen, und selbst die Ostseezeitung scheinen die Volksvertreter nicht zu lesen; in ihr hatten Anwohner für den Samstag Demonstrationen und die Bildung von „Bürgerwehren“ angekündigt. Radikale Jugendliche drohten: „Die Rechten haben die Schnauze voll. Wir werden dabei sein, und du wirst sehen, die Leute, die hier wohnen, werden aus den Fenstern schauen und Beifall klatschen.“

Randalierer reisten aus Hamburg an, aus Berlin, Sachsen, Nordrhein-Westfalen und Süddeutschland. „Ich habe Ehre im Leib“, begründet ein Autoschlosser seine Anreise aus Baden-Baden, „wenn die Kameraden hier für ein sauberes Deutschland kämpfen, kann ich sie doch nicht im Stich lassen.“ Ein paar andere werden von der No-future-Stimmung getrieben: „Meine Alten haben mich rausgesetzt, ich war denen zu frech, in die Schule gehe ich nich’ mehr, hat ja doch keinen Zweck. Arbeit kriegste nich’, und sonst is’ hier ja nichts los.“

Für eine sauberes Lichtenhagen sorgten auch die Rostocker Politiker – nach der Methode von Hoyerswerda: Wenn die Rechten randalieren, machen sie den Ort „asylantenfrei“. Montag nachmittag wurden die Heimbewohner in Busse gepackt und zu verschiedenen anderen Heimen gefahren. Die Zentrale Anlaufstelle soll in einer Kaserne bei Hagenow untergebracht werden. Aus dem Landkreis mußten schon vor drei Wochen mehr als einhundert Asylbewerber und bosnische Flüchtlinge in Sicherheit gebracht werden, weil ihre Unterkünfte tagelang von Neonazis und sympathisierenden Dorfjugendlichen angegriffen wurden.

Trotzdem, auch in der dritten Nacht tobt die Schlacht um das nun leere Haus in Lichtenhagen. Als die Polizei gegen 21.30 Uhr die Randalierer weiträumig zurückgedrängt hat, ziehen sich die Beamten plötzlich zurück. Verdutzt schauen ihnen die Rechtsradikalen hinterher. Dann, nach wenigen Minuten, werfen sie wieder mit Steinen und Brandflaschen auf die abziehenden Wasserwerfer.

Der Spuk verlagert sich zu dem ungeschützten Haus. Um 21.40 Uhr fliegen die ersten Molotowcocktails gegen die Fassade, auf die Balkone, in die Fenster. „Zugabe, Zugabe“, brüllt die Menge. Niemand fällt den Brandstiftern in den Arm, bis fünf Wohnungen Feuer gefangen haben. Einigen Mitläufern geht das zu weit, sie verschwinden. Die Biedermänner in den umliegenden Häusern verstummen. Die Zuschauer werden aus einer schweigend zustimmenden zu einer schweigend ablehnenden, untätigen Mehrheit.

Die Feuerwehr rangiert hilflos an der Rückfront der Häuser, verspritzt den Inhalt einiger Handfeuerlöscher, ehe sie aufgibt. Die Polizei verharrt anderthalb Stunden in „Bereitstellungsräumen“, während sich das Feuer ausbreitet; sie weiß angeblich von nichts. Aus den oberen Stockwerken, in denen niemand mehr vermutet worden war, können 150 vietnamesische Kinder, Frauen und Männer, ein ZDF-Team und ein gehbehinderter Wachmann erst in letzter Sekunde aufs Dach entkommen. Sie hatten vergeblich versucht, Polizei und Feuerwehr zu alarmieren, keiner ging ans Telephon, der Polizeichef „wechselte zu Hause gerade das Hemd“.