Bis zur Wende waren sie folgsame DDR-Bürger gewesen. Meist besonders folgsame, denn nur die bekamen bei dem extremen Mangel an Wohnraum relativ schnell eine der begehrten Neubauwohnungen. Inzwischen ist aus dem Privileg, in einer der vier Siedlungen an der Ausfallstraße nach Warnemünde zu leben, ein Makel geworden: Der einst begehrte Standard reicht gerade noch an den westlicher Sozialwohnungen heran.

Dabei waren die Rostocker Neubauten wegen ihrer recht soliden Konstruktion und der abwechslungsreicheren Architektur geschätzt. Vielleicht wären die Bewohner noch heute ganz zufrieden, gäbe es nicht die „unabhängigen und überparteilichen“ Zeitungen. Die haben vor der Wende das

SED-Wohnungsbauprogrammm über den grünen Klee gelobt und schildern nun ihren Lesern die Neubausiedlungen als Hort der Hoffnungslosigkeit und Brutstätte der Kriminalität. Zudem hat der Hauptarbeitgeber Warnowerft dichtgemacht, auch eine riesige Jeans-Näherei. Jugendclubs gibt es fast keine mehr, und selbst beschönigende Statistiken melden über zwanzig Prozent Arbeitslose.

Wenn sich die Kinder der ehemaligen Funktionäre in der Disco vollaufen lassen, singen sie alte FDJ-Lieder, wenn sie vollends betrunken sind, grölen sie „Sieg Heil“. Aus Privilegierten wurden Underdogs. Gut vierzig Prozent der Ostdeutschen haben die Schuldigen bereits ausgemacht: Für den schleppenden Aufschwung Ost sind die Asylbewerber verantwortlich. Und denen geht es nun endlich an den Kragen.

Zwei verfettete Glatzköpfe zeigen Mut. Sie stellen sich vor den Polizeikordon, wedeln mit der Deutschlandfahne und der Reichskriegsflagge. Als schließlich einer dem anderen aus seiner Büchse Bier in eine leere Grüne-Punkt-Flasche füllt, wittert die Polizei den Brandsatz und stürmt vor.

Jetzt gibt es kein Halten mehr, Pflastersteine fliegen von allen Seiten, und die ersten Mollis schlagen unter Jubelrufen zwischen den Polizisten ein. Die erhalten zwar endlich Verstärkung, doch während ihre dilettantischen und halbherzigen Stoßtruppversuche ins Leere laufen und zwei Wasserwerfer aus München und Schwerin Sprühregen in die Luft blasen, prasseln scharfkantige Steine, Flaschen und Molotowcocktails von überall her nieder. Ein paar Anwohner stürmen auf die Straße und bringen ihre Autos in Sicherheit: „Jungs, ich find eure Aktion ja gut, aber schmeißt mir nicht die Scheiben ein.“ Von den Balkonen tönt es genauso wie aus der aufgeputschten Bande: „Ausländer raus! Sieg Heil! Deutschland den Deutschen!“

Die mecklenburgische Landesregierung aber, vom Ausbruch der Gewalt überrascht und überfordert, zeigt – bei allem Bedauern – sogar Verständnis für den Mob. Ministerpräsident Bernd Seite verteidigt die Rostocker: Sie seien keineswegs ausländerfeindlich, sie seien nur nicht bereit, den Mißbrauch des Asylrechtes hinzunehmen. Sein Innenminister Lothar Kupfer legt noch nach: Wenn 200 Asylbewerber auf engstem Raum zusammenleben müssen, setze das eben Aggressionen bei den deutschen Nachbarn frei. Die meisten haben anscheinend längst vergessen, wie sie im Hafen von Warnemünde sehnsüchtig der Fähre nachgeschaut haben: ferne Länder, weites Meer, dunkelhäutige Frauen. Wenn die dann eines Tages vor einem überfüllten Wohnheim kampieren, ihre Notdurft hinter Sandrosenbüschen verrichten, ihren Müll auf den verrotteten Abenteuerspielplatz werfen und auch noch betteln, ist es mit dem Fernweh endgültig vorbei.