Den Politikern waren die unhaltbaren Zustände seit dem Frühsommer bekannt. Ungehört warnte Rostocks Ausländerbeauftragter vor Ausschreitungen, und selbst die Ostseezeitung scheinen die Volksvertreter nicht zu lesen; in ihr hatten Anwohner für den Samstag Demonstrationen und die Bildung von „Bürgerwehren“ angekündigt. Radikale Jugendliche drohten: „Die Rechten haben die Schnauze voll. Wir werden dabei sein, und du wirst sehen, die Leute, die hier wohnen, werden aus den Fenstern schauen und Beifall klatschen.“

Randalierer reisten aus Hamburg an, aus Berlin, Sachsen, Nordrhein-Westfalen und Süddeutschland. „Ich habe Ehre im Leib“, begründet ein Autoschlosser seine Anreise aus Baden-Baden, „wenn die Kameraden hier für ein sauberes Deutschland kämpfen, kann ich sie doch nicht im Stich lassen.“ Ein paar andere werden von der No-future-Stimmung getrieben: „Meine Alten haben mich rausgesetzt, ich war denen zu frech, in die Schule gehe ich nich’ mehr, hat ja doch keinen Zweck. Arbeit kriegste nich’, und sonst is’ hier ja nichts los.“

Für eine sauberes Lichtenhagen sorgten auch die Rostocker Politiker – nach der Methode von Hoyerswerda: Wenn die Rechten randalieren, machen sie den Ort „asylantenfrei“. Montag nachmittag wurden die Heimbewohner in Busse gepackt und zu verschiedenen anderen Heimen gefahren. Die Zentrale Anlaufstelle soll in einer Kaserne bei Hagenow untergebracht werden. Aus dem Landkreis mußten schon vor drei Wochen mehr als einhundert Asylbewerber und bosnische Flüchtlinge in Sicherheit gebracht werden, weil ihre Unterkünfte tagelang von Neonazis und sympathisierenden Dorfjugendlichen angegriffen wurden.

Trotzdem, auch in der dritten Nacht tobt die Schlacht um das nun leere Haus in Lichtenhagen. Als die Polizei gegen 21.30 Uhr die Randalierer weiträumig zurückgedrängt hat, ziehen sich die Beamten plötzlich zurück. Verdutzt schauen ihnen die Rechtsradikalen hinterher. Dann, nach wenigen Minuten, werfen sie wieder mit Steinen und Brandflaschen auf die abziehenden Wasserwerfer.

Der Spuk verlagert sich zu dem ungeschützten Haus. Um 21.40 Uhr fliegen die ersten Molotowcocktails gegen die Fassade, auf die Balkone, in die Fenster. „Zugabe, Zugabe“, brüllt die Menge. Niemand fällt den Brandstiftern in den Arm, bis fünf Wohnungen Feuer gefangen haben. Einigen Mitläufern geht das zu weit, sie verschwinden. Die Biedermänner in den umliegenden Häusern verstummen. Die Zuschauer werden aus einer schweigend zustimmenden zu einer schweigend ablehnenden, untätigen Mehrheit.

Die Feuerwehr rangiert hilflos an der Rückfront der Häuser, verspritzt den Inhalt einiger Handfeuerlöscher, ehe sie aufgibt. Die Polizei verharrt anderthalb Stunden in „Bereitstellungsräumen“, während sich das Feuer ausbreitet; sie weiß angeblich von nichts. Aus den oberen Stockwerken, in denen niemand mehr vermutet worden war, können 150 vietnamesische Kinder, Frauen und Männer, ein ZDF-Team und ein gehbehinderter Wachmann erst in letzter Sekunde aufs Dach entkommen. Sie hatten vergeblich versucht, Polizei und Feuerwehr zu alarmieren, keiner ging ans Telephon, der Polizeichef „wechselte zu Hause gerade das Hemd“.