Von Karl Heinz Bohrer

Ein Terror liegt über dem Land: Die Akzeptanz des Ästhetischen. Die Sphäre, die man noch bis vor einem Jahrzehnt ehrlicherweise dem generellen Diskurs als nicht zugänglich empfand, scheint nunmehr dessen prominente Stimme geworden. Entweder hat sich die Gesellschaft radikal geändert, oder aber es liegt ein Mißverständnis vor. Ich gehe im folgenden letzterem nach.

I. Kritik einer Entgrenzung des Ästhetischen

Mit einem namhaften Historiker, dem Leiter eines ambitionierten Forschungsinstituts, im Gespräch über die hochschulpolitischen Interessen von Landesregierungen versuchte ich zu verdeutlichen, daß Kunst- und Literaturwissenschaften immer weniger als Kunstwissenschaft, sondern immer mehr als historische Sozialwissenschaft gefördert würden. Dem entschiedenen Widerspruch, die allgemeine Situation hätte sich doch ganz zugunsten eines zunehmend „ästhetischen Interesses“ verändert, war im Laufe des Gesprächs nicht beizukommen. Die Ursache dafür war, daß zwei radikal verschiedene Auffassungen vom Ästhetischen hier aufeinanderstießen: Während ich selbst darunter strikt die formalen Ausdrucksqualitäten eines Kunstwerks verstand, eine als Kunstwissenschaft vorgehende Literaturwissenschaft, also eine solche Methode, die jene Ausdrucksqualitäten untersucht, verstand der Historiker unter „Ästhetik“ gerade eine Entgrenzung des Kunstwerksbegriffs, ja es ging ihm eigentlich gar nicht um Kunst und Literatur, sondern um eine hedonistische Lebensqualität, die er als entschiedenes Interesse jener Landesregierung verteidigte.

Was an dieser Opposition zu verdeutlichen war, ist eine zweifellos grassierende Aktualität des Ästhetischen, die über dessen moralisch-philosophisch, sozial-emanzipatorisch oder hedonistischkulturell motivierter Entgrenzung den substantiellen Kern des ästhetischen Diskurses zu verlieren droht.

Für diese Entgrenzung des Ästhetischen gibt es sehr unterschiedliche Wahrnehmungsbegriffe: etwa „Die Erlebnisgesellschaft“ von Gerhard Schulze oder „Subjektsein Heute“ von Wolfgang Welsch. Umgangssprachlich symptomatische Wendungen lauten: „Politische Kultur“, „Diskussions-Kultur“, „Freizeit-Kultur“. Das Beiwort „Kultur“ ist immer notwendig, möglicherweise bei einer kleinbürgerlich-mittelständisch geprägten Gesellschaft wie der bundesrepublikanischen, der das enigmatisch-elitäre Moment des eigentlich Ästhetischen immer mehr abhanden gekommen ist.