Peter Wapnewski zum 70. GeburtstagSkeptischer Melancholiker

Nicht zufällig denkt man an den Kinderwitz: Was ist das – es hängt an der Wand, macht ticktack, und wenn die Uhr herunterfällt, ist sie kaputt.

Wer ist das: Er lehrt(e) mittelhochdeutsche Literatur, schrieb glanzvolle Studien über Richard Wagner, und auch wenn er nicht das Berliner Wissenschaftskolleg gegründet hätte, wüßte man, wer Peter Wapnewski ist.

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Allein, so einfach ist es nicht. Der Mann und seine Arbeit sind komplizierter. Wenn man die Essays zum Minnesang liest, seinen Vortrag „Das Ideal und das Leben“ oder die Essays zur Literatur des 20. Jahrhunderts, dann schält sich ein Leitmotiv heraus: Skepsis und Melancholie. Bei aller Lehr-Begeisterung war Peter Wapnewski nie ein üblicher Kathederprofessor, sondern etwas wesentlich Komplexeres: ein eleganter Geist, equilibrierend zwischen vielen Disziplinen, wohl (glücklicherweise) nicht frei von Hochmut; wenn ich – leider saß ich lieber im Tageskino statt in Vorlesungen übers Mittelalter – das Wort richtig ableite von „hohem Mut“. Tiefmut wäre das Gegenwort. Daß der ihm nicht fremd ist, zeigen etwa die vielfältigen Umkreisungen des Gottfried Benn. Dessen höfliche Abgekapseltheit ist ihm wohl verwandt; sein Aufsatz über die distanzierte Nähe der Freundschaft zu F. W. Oelze belegt das. Nahe aber sind Wapnewski Benns Gedichte – ihre formale Perfektion wie ihr monadischer Nihilismus. Schon in dem erwähnten Vortrag dachte er über „die sittliche Natur des Menschen“ nach, und erst jüngst überschrieb er sein Gedenkblatt für Hans Sahl mit der eher bitteren Zeile „Überleben ist ein Beruf“. Wie nahe ist da die Benn-Zeile „Leben – niederer Wahn“, die er in seinem großen Benn-Exkurs des Jahres 1990 vor den Hauptsatz des Tripper-Arztes stellt „Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch“.

Doch wären das noch bloße „Inhalte“. Peter Wapnewski aber ist ein Exeget der Formen, Farben und Töne: Das Gedicht als Kunstwerk hat es ihm angetan – von „Ez stuont en frouwe alleine“ über das Tagelied in „Tristan und Isolde“ bis zu jenem „Nun kommen die Raben geflogen / – mit Odin flogen sie hell, / dunkel nach Norden gebogen, / schwarze undeutbare Wogen, / noch nie geschaute – farewell“. Man darf getrost sagen, daß dieser Literaturwissenschaftler, dessen Einspruch „Gedichte sind genaue Form“ (ZEIT Nr. 6/1977) weiland Furore machte, sich mit dem einem anderen Essay vorangestellten Tasso-Zitat „Und wer der Dichtung Stimme nicht vernimmt, ist ein Barbar, er sei auch wer er sei“ ein Lebens-, und das will in seinem Fall heißen: Arbeitsmotto gesetzt hat. Das ist zu hören, wenn dieses große Nachdenken „Zum Gedicht vor und nach Auschwitz“ endet: „Sie alle bedacht, Sappho und Peter Huchel, Shakespeares Sonette und Stefan George, Mörike und Benn, Baudelaire und Rilke, Hofmannsthal und Nietzsche und die Romantiker von Brentano bis Eichendorff, Hölderlin und Celan und den ‚West-östlichen Divan‘ – und mühsam genug der Versuch, sich ihres Andrängens im Zitat zu erwehren, und heikel genug die allerletzte Entscheidung für ‚Wanderers Nachtlied‘ oder ‚Der Mond ist aufgegangen‘ oder ‚Sieh jene Kraniche in großem Bogen‘ – sie alle bedacht, will es so scheinen, als ob in den alten und einfachsten, ja einfältigsten Versen unserer Lyrik-Tradition alles beschlossen sei, was das Wesen des Gedichtes macht und zugleich enthüllt, also das menschliche Wesen in seiner Bresthaftigkeit und seinem Widerspruch – und seiner unbegreiflichen Lust am Dasein. Verse, die, von der zerredenden Tradition hernach mannigfach variiert und erweitert, in ihrem ursprünglichen Wortlaut dem Magister Martinus von Biberach zu Heilbronn im Jahre 1498 als Grabspruch dienten: ‚Ich leb und waiss nit, wie lang, / Ich stirb und waiss nit wann, / Ich far und waiss nit wohin, / Mich wundert, dass ich froelich bin.‘“

Bewußt habe ich das Wort „hören“ gewählt: Peter Wapnewski ist nämlich ein bedeutender Rhetoriker. Wer ihn, der meist frei spricht, je gehört hat, weiß das – kein audiatur et altera pars-Kunstgewerbe voll hohler Schnörkel, sondern die ganz souveräne, schwebende und zugleich detailgenaue Rede ist seine Kunst; sie bereitet Genuß, während sie Kenntnisse verbreitet. Peter Wapnewskis forensische Fertigkeit, nicht zu verwechseln mit gebildeten Kunststückchen, kann süchtig (nach mehr) machen, ob am Radio, im Vortragssaal oder in kleiner Freundesrunde. Mir ist unvergeßlich ein in die Nacht hinüberdämmernder Abend in Florenz (wo er eine Gastprofessur wahrnahm), hoch über den Dächern und zugegeben: bei Strömen von Brunello di Montalcino – Wapnewski ist ein teurer Freund –, an dem er Richard Wagners musikalische Technik der puristischen Vereinfachung des Tristan-Geschehens erklärte, in immer neuen Angängen der Differenzierung und der Analyse bis in feinste Verästelungen nachging und dabei mühelos-spielerisch die Veränderung der Gottfried-Vorlage gleichsam mit-erläuterte; fast überflüssig nachzutragen, daß er den zentralen Vers auswendig deklamierte: „Ouwe Tristan und Isot, / diz trank ist iuwer beider tot.“ Das muß man können. Schwer, diesem Mann zum 70. Geburtstag am 7. September den Festtagsstrauß zu binden. Gäbe es die zwei – Tolstoi entnommenen – Fabelwesen Natascha und Nicolai, denen er seine „Zumutungen“ widmete: Sie müßten ihm den Geburtstag ausrichten.

Fritz J. Raddatz

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