HAMBURG. – Was wäre die Hansestadt ohne das Wasser, den Hafen, die Unterwelt, den Geschäftssinn und die Kunst, sich gut zu verkaufen? Sicherlich nicht die Metropole, die wie ein Magnet Jahr für Jahr mehr Menschen anzieht. 1,8 Millionen leben heute in dieser Stadt – und die wollen verdaut sein. Daß die Hansestadt damit einige Probleme hat, davon zeugen die vielen Baustellen: Ganze Straßenzüge werden aufgerissen, um in die kranken Eingeweide der stinkenden Unterwelt vorzustoßen. Dort, in fünf Meter Tiefe, tickt seit Jahren eine Zeitbombe.

Der spektakuläre Rohrbruch in der Innenstadt Ende des vergangenen Jahres, der die City aufs trockene setzte, steckt den Hamburgern noch heute in den Knochen. Und keiner weiß, ob und wann das nächste Siel bricht. Da muß auch Umweltsenator Fritz Vahrenholt passen, obwohl er behauptet, er wisse, „wer wo was in die Siele einleitet“. Doch können sich gefährliche Gase innerhalb weniger Minuten bilden. Kommt es unterirdisch zur Explosion, sprengen Fontänen die Gullydeckel und spülen die braune Soße nach oben. Am Gänsemarkt wurde die unsichtbare Katastrophe plötzlich sichtbar, auch für die Verantwortlichen im nahe gelegenen Rathaus. Künftig werden für die bislang stiefmütterlich behandelte Stadtentwässerung einige hundert Millionen Mark losgeeist. Das große Buddeln beginnt.

Bis zu 150 Jahre sind die gewölbten Ziegelgemäuer des Sielsystems alt – und dringend erneuerungsbedürftig. Daß die Siele bröckeln, Rohre platzen und ganze Sohlen wegbrechen, liegt nicht nur am Alter der Anlage, sondern vor allem an der zunehmenden Belastung durch den Schwerlastverkehr und an den zum Teil ätzenden Chemikalien in den Industrie- und Haushaltsabwässern. 5000 Kilometer mißt das weitverzweigte unterirdische Kanalisationsnetz. Allein 100 Kilometer, das entspricht der Wegstrecke von Hamburg bis Bremen, müssen komplett neu gebaut werden.

Dennoch blicke so manch andere Stadt neidvoll auf Hamburg, versichert Vahrenholt. Während die Sielschäden hier etwa fünf Prozent des Gesamtnetzes beträfen, müßten andere Kommunen bis zu einem Fünftel ihres Sielsystems sanieren und erneuern. Allerdings kommen auf die Hansestadt zusätzliche Kosten für riesige Auffang- und Speicherbecken zu, die bei starken Regenfällen Überflutungen und das Einleiten von Abwässern in Elbe und Alster verhindern sollen.

Gerne brüstet sich die Stadt anläßlich des 150jährigen Bestehens des Sielwesens ob der Weitsicht und Fortschrittlichkeit der damaligen Stadtväter, die 1842 Pionierarbeit leisteten. Da sich Superlative immer gut machen, ist denn auch in Pressemitteilungen stets die Rede von der „ältesten Sielanlage des Kontinents“. Daß auch schon die Römer ein ausgeklügeltes Abwassersystem namens cloaca maxima entwickelt hatten, wird schlichtweg übergangen. Unerwähnt bleibt auch die wenig rühmliche, eher skandalträchtige Geschichte der Hansestadt, die sich im vergangenen Jahrhundert ereignet hat.

Mit Schrecken erinnert sich Hamburg in diesem Jahr zweier Katastrophen: 1842 wütete der große Brand, der ganze Stadtteile in Schutt und Asche legte. 1892 raffte die Cholera nahezu 9000 Menschen dahin. Und das, obwohl der englische Ingenieur und Baumeister William Lindley schon kurz nach dem Brand mit dem Bau der Siele begonnen hatte. Doch blieb die Sielanlage vorerst eine bloße Schönheitskorrektur: Unrat und Kot schwammen zwar fortan nicht mehr in den Fleeten, das Abwasser aber floß weiterhin ungeklärt in die Elbe. Aus ihr schöpften die Bürger wiederum ihr Trinkwasser. Sandfilteranlagen waren zu jener Zeit, als in der 600 000-Einwohner-Stadt noch Droschken fuhren, schon entwickelt. Entgegen dem dringenden Anraten von Lindley hielt der Senat diese Investition aber für verzichtbar – weil zu teuer.

Die Quittung kam mit der Cholera, vor hundert Jahren, im brütendheißen August des Jahres 1892. Da die Tide die ungefilterte Brühe elbaufwärts bis zum Wasserwerk Rothenburgsort schwemmte, entnahmen die Hamburger mit dem Trinkwasser die Krankheitserreger. Tag und Nacht wurde in der verseuchten Stadt nicht nur in den Sargwerkstätten und auf dem Ohlsdorfer Hauptfriedhof, sondern nun auch an der Sandfilteranlage im Wasserwerk gearbeitet – zu spät, um die Epidemie noch einzudämmen. Sie wütete drei Monate lang.