Von Alexander Dill

Sowohl die Verteidigungsreden der einstmals Mächtigen wie die Anklagen der Bürgerrechtler verfechten die gleiche These: In der DDR herrschte nicht der und der, sondern ein System. Wo aber ein System ist, muß es auch Systemtheoretiker geben, um nicht zu sagen Philosophen.

Die DDR-Philosophie hat leise abgedankt, stiller, als es von der Kraft zu erwarten war, um derentwillen das Experiment angeblich bis zuletzt durchgehalten werden mußte. War es wirklich so? War die Philosophie das Zentrum dieses Systems? Auf jeden Fall besaß das politische und ökonomische System der DDR ein philosophisches Fundament, pardon, einen Überbau.

Die Verwaltung und Pflege dieses Überbaus war überraschend gegliedert: Nicht die Philosophie selbst, die in der Akademie der Wissenschaften der DDR und an der Humboldt-Universität angesiedelt war, sondern das Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED war der eigentliche think-tank der SED-Spitze.

Als ich im Januar 1990 zu ersten Gesprächen mit den Ostkollegen aufbrach, wurde das Institut von uniformierten Polizisten kontrolliert. Nach dem Vorzeigen des Ausweises mußte ich warten, bis mein Gesprächspartner mich abholte. Wer aber vermutet, in diesem Institut oder in dem Institut für marxistisch-leninistische Philosophie der Humboldt-Universität seien die führenden DDR-Philosophen angesiedelt gewesen, täuscht sich.

Herbert Hörz, Manfred Buhr und Jürgen Kuczinski waren allesamt an der Akademie der Wissenschaften der DDR tätig, deren philosophisches Institut als einziges nicht den Zusatz „marxistischleninistisch“ trug.

Um die Verwirrung zu erhöhen, ist zu erwähnen, daß neben den erwähnten drei Instituten auch noch die 200 Mann starke Sektion Marxismus-Leninismus der Humboldt-Universität dafür zu sorgen hatte, daß kein Student die wichtigste Lektion verpaßte.