Von Klaus Laermann

Das 18. Jahrhundert war keineswegs nur das Jahrhundert der Aufklärung, als welches es selbst sich gern sah. Denn viel zu stark wirkten in ihm die Gegenkräfte des Schwärmertums, des Obskurantismus und des Okkultismus, als daß die Aufklärung ohne weiteres die Vorherrschaft hätte beanspruchen dürfen. Zwar ist das seit langem bekannt, aber weit weniger bekannt war bisher, wie groß die Attraktion des Geheimen und des Dunklen selbst dort war, wo sie schon vor den Zeitgenossen und dann noch mehr vor der Nachwelt sorgfältig verborgen gehalten wurde: im klassischen Weimar.

Der amerikanische Germanist W. Daniel Wilson hat nun Dokumente herausgegeben und kommentiert, aus denen er die Geschichte des Illuminatenordens im Großherzogtum Sachsen-Weimar rekonstruiert. Seine Darstellung ist bemerkenswert, weil sie den Nachweis führen will, daß das bisher in der Literatur- und Geschichtswissenschaft als gültig anerkannte Bild des klassischen Weimar in wichtigen Punkten korrekturbedürftig ist. Wilson sucht zu zeigen, daß Weimar nicht jene Insel der Liberalität in einem sonst finsteren Land war, als die es oft hingestellt wurde. Zu dieser Legendenbildung hat nicht zuletzt Goethes Selbstdarstellung beigetragen.

Schon zu Lebzeiten war es ihm gelungen, über seine politische Tätigkeit einen Schleier der Geheimhaltung zu breiten. Und das hatte seinen Grund vor allem darin, daß Goethe seine Mitgliedschaft im Orden der Illuminaten verbergen wollte. Dieser Orden hatte es sich insgeheim zum Ziel gesetzt, Fürsten und Staaten durch eine allgemeine Aufklärung abzuschaffen. Den Zeitgenossen erschien er als verdächtig oder gefährlich, weil er angeblich umstürzlerische Pläne verfolgte. Doch Wilson macht aus Goethe durchaus keinen Revolutionär, eher einen Spitzel. Denn Goethe trat dem Orden am 11. Februar 1783 bei, einen Tag später als sein Herzog. Drei von vier Mitgliedern des höchsten Regierungsgremiums des Landes, des Geheimen Consiliums in Weimar, gehörten bald den Illuminaten an. Nach Meinung von Wilson wollte Goethe durch seine Mitgliedschaft Einfluß auf den Herzog gewinnen, um ihn im Sinne eines aufgeklärten Absolutismus zu lenken. Zugleich erwägt Wilson die Möglichkeit, daß beide die Absicht hatten, sozusagen die Unterwanderer zu unterwandern. Jedenfalls nahmen sie bei den Illuminaten rasch eine führende Stellung ein. Bemerkenswerterweise entsprach der Status der Mitglieder im Orden (entgegen der in ihm herrschenden Gleichheitsideologie) durchaus dem gesellschaftlichen Rang außerhalb. Mit einer Ausnahme waren in Weimar die wichtigsten Mitglieder adeliger Herkunft. Manches deutet darauf hin, daß Goethe und Carl August den Orden unter ihre Kontrolle brachten und dann in seiner Tätigkeit behinderten.

Wilsons zentrale These lautet, daß die literarische Intelligenz im Illuminatenorden sich durch ihre konspirative Organisation letztlich durchaus systemkonform verhalten hat. Man wollte den Fürsten sanft lenken und ihn protektionistisch mit den „richtigen“ Beamten umgeben. In dieser neuen Variante sollte der aufgeklärte Absolutismus nicht mehr individuell, sondern durch die geheime Organisation der Intelligenz verwirklicht werden. Dabei machte sich der Fürst als Geheimbundmitglied nicht etwa überflüssig, sondern verschaffte seiner Herrschaft eine sicherere Legitimation. Den einfachen Mitgliedern erschien oft die Organisation wichtiger als ihre Ziele. Sie verhielten sich, als seien Politik und Religion ein Spiel, als könne man jouer la religon oder jouer la politique.

Großen Einfluß gewann in den Jahren nach 1789 auf Seiten der Reaktion die These, die Illuminaten seien mitverantwortlich für die Französische Revolution. Diese sogenannte Verschwörungstheorie hatte angesichts der politischen Ohnmacht der Sekte etwas Wahnhaftes. Aber sie hielt sich bis in die Nazizeit. Noch Alfred Rosenberg machte 1940 die Freimaurer für die Revolution verantwortlich. Und die Nazis waren es auch, die aufgrund dieser Verschwörungslegende die jetzt von Wilson veröffentlichten Dokumente über die Illuminaten im klassischen Weimar beschlagnahmten. Die Dokumente wurden während des Krieges ausgelagert, gelangten in die Sowjetunion und von dort 1950 in die DDR. Da die Freimaurerei auch im SED-Staat verboten war, unterblieb ihre wissenschaftliche Bearbeitung bis in die achtziger Jahre. Daher hat die Forschung bisher erstaunlich wenig Notiz von Goethes Mitgliedschaft im Illuminatenorden genommen, obwohl sie schon seit etwa 1910 bekannt ist.

Daß und wie die Reaktion über die Geheimbünde des 18. Jahrhunderts triumphierte, ist allerdings schon mehrfach besser dargestellt worden. Das Buch von Wilson enthält im übrigen gehäuft Druckfehler und zuweilen unklare Angaben, die in der Bibliographie nicht zu ermitteln sind. Hinzu kommen sprachliche Schlampigkeiten, die den Verdacht aufkommen lassen, daß der Lektor hier durch ein Textverarbeitungsprogramm ersetzt wurde. Unwichtiges wird ausdrücklich auch dann gesagt, wenn schon zum Ausdruck gebracht wurde, daß es unwichtig ist. Es herrscht in diesem Buch über weite Strecken eine gelehrte, linkspositivistische Pedanterie, die nichts, aber auch nichts auslassen kann und vieles lieber dreimal sagt. Das steht dann in den Fußnoten sowie in den im Anhang abgedruckten Dokumenten und außerdem auch noch im Text. Der heilsamen Wut einer Schere hätten Sätze wie der folgende durchaus zum Opfer fallen müssen: „Merkwürdigerweise hat auch Wieland anscheinend einen Nekrolog für Bode veröffentlicht.. ., der jedoch nie veröffentlicht wurde.“