Von Roland Knauer

Drei Viertel aller Almen im Gebiet des heutigen Alpen-Nationalparks bei Berchtesgaden wurden in den vergangenen hundert Jahren aufgegeben. Die idyllischen Bilder von Kühen auf saftiger Weide vor einer einfachen Holzhütte gewinnen Seltenheitswert. Viele Touristen und Naturliebhaber bedauern die Entwicklung. Naturschützer aber begrüßen, den Rückgang der Beweidüng in mittleren und höheren Lagen des Gebirges. Er gibt der ursprünglichen Vegetation die Chance, verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Während grüne Almen ebenso wie Lifte und Skipisten Zeichen menschlicher Aktivität sind, charakterisiert in diesen Höhen dichter Wald die Naturlandschaft der Alpen. Könnte nicht die Natur wieder in den Zustand zurückversetzt werden, den sie vor Ankunft des Menschen hatte?

Indes greift dieser Gedanke zu kurz. Zum einen unterliegt die Naturlandschaft einem dauernden Wandel. Nachdem die Gletscher der letzten Eiszeit sich aus den Tälern des Berchtesgadener Landes zurückgezogen hatten, wanderten Pflanzen und Tiere aus wärmeren Breiten langsam wieder in die Region ein. Dieser Prozeß ist vermutlich noch immer nicht abgeschlossen. Ökosysteme sind eben nie statisch, sondern immer im Fluß. Einen Status quo zu erhalten widerspräche letztlich dem Gedanken des Naturschutzes. Das macht es so schwierig, die Frage zu beantworten, welcher Zustand in einem Nationalpark angestrebt werden sollte.

Zum anderen gehört, selbstredend, auch der Mensch zur Natur, sein Wirtschaften ist ein Teil des Ökosystems. Tatsächlich verstehen die meisten Menschen intuitiv die von traditioneller Land- oder Almwirtschaft geprägte Landschaft als natürlich. Schließlich haben die Bergbauern bereits vor Jahrhunderten die Region einschneidend verändert. Berichte (oder gar Bilder) über den vorherigen Zustand existieren kaum.

Die überlieferte Geschichte des äußersten Südostens Deutschlands beginnt im 12. Jahrhundert. Damals gründeten die Augustiner dort ein Chorherrenstift. Ein Chronist dieser Zeit beschreibt das Berchtesgadener Land als furchterregende Wildnis, bedeckt von Schnee, Eis und undurchdringlichen Wäldern, in denen wilde Tiere hausen. Der Zustand ändert sich indes rasch. Die Täler und tieferen Hänge des Alpenurwalds werden gerodet, in den Hochlagen an und über der Waldgrenze legen die Bauern Almen an. Als das Klima am Ende des Mittelalters kühler wird, schlagen sie in tieferen Lagen Lichtungen in den Wald. Die Almen entstehen, die unser heutiges Bild der Alpen bestimmen.

In keiner anderen Alpenregion existieren im 19. Jahrhundert so viele Almen wie im Berchtesgadener Land, und das aus zwei Gründen. Erstens ist das Gebiet wegen des Salzbergbaus recht wohlhabend, und viele Menschen leben dort. Zweitens gibt es kaum Verbindungen von der Außenwelt zur Fürstpropstei. Die Berchtesgadener müssen deshalb alle Lebensmittel selbst produzieren und nutzen auch die abgelegensten Flächen als Almen. In den Tälern bauen sie Brotgetreide an, dort bleibt kaum Platz für das Vieh. Trotz der Mühen leiden die meisten Menschen Hunger, auch wenn kaum jemals ein Einwohner verhungert ist.

Als 1888 die Bahnlinie nach Berchtesgaden eröffnet wird, ändert sich das Leben grundlegend. Nahrungsmittel können nun problemlos eingeführt werden. Der Druck entfällt, auch das letzte zugängliche Fleckchen für die Landwirtschaft zu nutzen. Viele abgelegene Almen rentieren sich nicht mehr, die Bauern geben sie schon am Ende des vergangenen Jahrhunderts auf. Die Entwicklung geht bis in die heutige Zeit weiter. Mindestens 88 Almen werden seither aufgelassen, allein 60 im Gebiet des heutigen Alpen-Nationalparks. Eine Kulturlandschaft, die für Jahrhunderte die Region prägte, zieht sich zurück.