Wenn Klimapropheten in der Vergangenheit warnten, dann stets auch vor einem Anstieg des Meeresspiegels. Ganze Bücher ließen sich füllen mit Katastrophengeschichten über Küstenregionen, die angeblich in den nächsten Jahrzehnten im Meer versinken. Die Visionäre ließen Heerscharen von Klimaflüchtlingen aus Bangladesch, dem Nildelta, aus Florida oder den Malediven aufs schrumpfende Festland strömen. Noch auf dem Erdgipfel in Rio hieß es, künftig müßten Hunderte Milliarden Dollar in den Bau von Deichen investiert werden. Sonst würden die Niederlande oder Städte wie London und New York ein Raub der Fluten.

Nebbich. Auf der Zweiten Internationalen Konferenz über Modelle für den globalen Klimawechsel zeigte sich kürzlich in Hamburg, daß der Meeresspiegel eher unverändert bleibt. Vor wenigen Monaten gab es in den Fachblättern sogar Auseinandersetzungen darüber, ob künftig nicht sogar mit einem Absinken der Ozeane zu rechnen sei. Wie kommt es zum Wandel der Prognosen?

In den Klimarechnungen bestimmen zwei gegenläufige Hauptfaktoren das Meeresniveau. Erhöht sich die Temperatur infolge des Treibhauseffektes, dann führt dies zu einer leichten Ausdehnung des Wassers. Dadurch steigt der Meeresspiegel an, und zwar um etwa 25 Zentimeter in den nächsten hundert Jahren. So lautet die (erheblich geschrumpfte) derzeit beste Schätzung. Diesem thermischen Anstieg wirkt eine Erhöhung der Eismassen auf Grönland und in der Antarktis entgegen. Entscheidend für den Meeresspiegel sind nicht die im Wasser schwimmenden Eisberge, sondern die auf Land lagernden polaren Gletscher. Wenn sich die Polgletscher erhöhen, bedeutet das weniger Wasser im Ozean.

Warum soll der Eispanzer der Antarktis, in dem schon rund neunzig Prozent aller Süßwasserreserven lagern, weiter wachsen? Ganz einfach: Die Südpolregion ist in großen Gebieten eine Wüste mit sehr geringem Niederschlag, und der wird zunehmen. Denn infolge des Treibhauseffektes steigt vor allem an den Polen die Temperatur um etwa vier bis acht Grad. Dies reicht glücklicherweise nicht aus, um dort Eis schmelzen zu lassen. Es bleibt weiter fest, selbst wenn die Temperatur von minus vierzig auf minus dreißig Grad steigt. Entscheidend ist, daß sich in der Polarluft mehr Feuchtigkeit sammelt nach der Faustregel: je wärmer die Luft, desto feuchter. Mehr Niederschlag bedeutet, daß an den Polen die Gletscher wachsen und der Meeresspiegel sinkt. (Die überwiegend abschmelzenden Gebirgsgletscher in Europa und Asien haben einen sehr geringen Einfluß).

In ihren stark vereinfachten Modellrechnungen verliehen die Klimatologen der thermischen Ausdehnung des Wassers früher ein zu großes Gewicht, der Ozean wurde nur als „flache Pfütze“ berücksichtigt. Ähnlich grob wurde die Eisdynamik an den Polen behandelt. Bereits vor drei Jahren hatte Heinz Miller vom Alfred-Wegener-Institut für Polarforschung in Bremerhaven aufgrund verbesserter Rechnungen darauf hingewiesen, daß in den nächsten hundert Jahren eher mit einem stagnierenden Meeresspiegel zu rechnen sei. Doch dies paßte nicht in die Alarmstimmung.

Daß man ihm inzwischen eher recht gibt, ist für Miller kein Triumph. Er findet es nur „unverantwortlich“, auf wissenschaftlich äußerst wackliger Basis Katastrophenstimmung zu erzeugen. Auch heute noch, betont er, seien die Daten mit großer Unsicherheit behaftet. „Wir können bisher nur sagen, daß in der Eisbilanz der Pole nichts Dramatisches passiert.“

Die Klimapropheten müssen sich vorhalten lassen, daß sie mit ihren voreiligen Prognosen die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft untergraben und damit jenen Politikern Argumente liefern, die, wie George Bush, nicht handeln wollen. Aber welcher Wissenschaftler gibt schon gerne zu, daß er nichts Genaues weiß – zumal, wenn Katastrophenstimmung die Forschungsbudgets erhöht. Hans Schuh