KIEL. – Am vergangenen Freitag hat der Rat der Stadt seinen Bürgermeister abgesetzt – ohne Begründung und, so scheint es, ohne Grund. Das Vertrauensverhältnis sei gestört, sagte die SPD-Fraktionsvorsitzende Waltraut Siebke, ehe man zur Abstimmung schritt. Nur ein Abgeordneter der Grünen widersprach ihr. Mit den Stimmen der CDU-Fraktion, der meisten Sozialdemokraten und zwei von vier Grünen jagte der Rat den 53jährigen Juristen und CDU-Politiker Heinrich Möllenhoff aus dem Amt.

Möllenhoff war erst vor eineinhalb Jahren aus Bad Oeynhausen nach Kiel gekommen. Als ausgewiesenen Finanzexperte erschien er der CDU damals als „der richtige Mann zur richtigen Zeit“, so schwärmte der Fraktionsvorsitzende Karl Diekelmann, um als Bürgermeister und Kämmerer den Haushalt der hochverschuldeten Landeshauptstadt zu sanieren. Doch schon wenig später berichteten die Kieler Nachrichten von „Startschwierigkeiten beim neuen Bürgermeister“: „Das gespannte Verhältnis zur CDU-Fraktion und insbesondere zu deren Vorsitzendem“ sei „nicht zu übersehen“.

Von persönlichen Spannungen könne nicht die Rede sein, sagt Diekelmann heute, sondern nur von sachlicher Kritik: Der neue Kämmerer habe sich nicht hinreichend bemüht, dem Kieler Haushalt „den CDU-Stempel aufzudrücken“; er sei seiner „Pflicht“ nicht nachgekommen, vor wichtigen Sitzungen zunächst Vorbesprechungen mit der CDU abzuhalten. Schließlich sei er sogar, als er in Kiel keine Wohnung fand, „ohne irgend jemandem etwas zu sagen“, ins benachbarte Nortorf gezogen. Aus Sicht des CDU-Fraktionschefs sind das gute Gründe, sich den Bürgermeister „zur Brust zu nehmen“.

Aber mußte man ihn gleich abwählen? „Es wäre ja gar nichts passiert“, sagt Diekelmann, wenn sich in diesen Konflikt nicht die örtliche Monopolzeitung eingemischt hätte, die Kieler Nachrichten. Ende April, als man während einer Sitzung des CDU-Fraktionsvorstands über den neuen Bürgermeister schimpfte, so berichtet der Fraktionsvorsitzende, habe „jemand“ den Vorschlag der Abwahl in die Runde geworfen. Und das wiederum habe „jemand“ der Zeitung hinterbracht. Er, Diekelmann, habe noch mit der Redaktion gesprochen, um das Schlimmste zu verhindern. Doch wenige Tage später stand es in der Zeitung: „Kiels Bürgermeister Heinrich Möllenhoff soll abgewählt werden. Der neunköpfige Vorstand der CDU-Rathausfraktion ist in einer Sondersitzung einstimmig zu diesem Ergebnis gekommen“ – eine Falschmeldung, wenn man dem Fraktionsvorsitzenden glauben darf.

Eine erstaunliche Vorstellung: Der Vorsitzende der zweitgrößten Ratsfraktion kann die Lokalzeitung nicht von der Verbreitung einer falschen Nachricht über eine nichtöffentliche Sitzung des eigenen Fraktionsvorstandes abbringen. Was genau Diekelmann mit der Redaktion besprochen hat, läßt sich nicht mehr klären. Die Kieler Nachrichten sehen auf Anfrage „keine Veranlassung, unsere Informationsbeschaffungen preiszugeben“.

Noch erstaunlicher war, wie die CDU die falsche Nachricht richtigstellte: „Um Schaden von der Landeshauptstadt Kiel abzuwenden“, beschloß die Fraktion, nun wirklich einen Abwahlantrag gegen Möllenhoff zu stellen – vier Wochen nach Erscheinen des Berichtes. Inzwischen hatte die Lokalzeitung zu dem Antrag, den die CDU nicht gestellt, ja angeblich nicht einmal beschlossen hatte, längst die Zustimmung von SPD und Grünen eingeholt – und auch gleich eine Begründung mitgeliefert. Es gebe „Erkenntnisse“, so behauptete das Blatt, ohne seine Quelle zu nennen, denen zufolge der neue Bürgermeister und Kämmerer, der doch den Kieler Haushalt in Ordnung bringen sollte, „schon mit der Bearbeitung von geordneten Finanzen überfordert“ sei. „Rechtzeitige Nachfragen bei der CDU in Westfalen hätten nämlich schnell ergeben, daß Möllenhoff dort nach seiner ersten Amtszeit als Stadtdirektor nicht wiedergewählt worden wäre.“ Man hatte sich, so stellte es die Zeitung dar, einen notorischen Versager nach Kiel geholt, den es nun so schnell wie möglich wieder loszuwerden gelte. Eine „so eklatante Fehlbesetzung“ könne sich die Stadt nicht leisten.

Doch bei der CDU in Bad Oeynhausen erinnert sich niemand an ein Gespräch mit den Kieler Nachrichten, weder im Kreisverband noch in der Ratsfraktion. Schon gar nicht hätte man Möllenhoff kritisiert, versichert der dortige CDU-Fraktionsvorsitzende Gerhard Rohlfing. Er habe als Stadtdirektor in Bad Oeynhausen „hervorragende Arbeit geleistet“, und wenn er dennoch nicht wiedergewählt worden wäre, dann nur, weil dort während seiner Amtszeit eine rot-grüne Koalition die Macht übernommen habe.