Frankreich hat seine europäische Pflicht getan. Als nächstes sind die Deutschen an der Reihe – und dies sehr bald. Schon am 7. Oktober soll der Bundestag seine Maastricht-Debatte beginnen und in erster Lesung über das Ratifikationsgesetz beraten. Nur daß diesseits des Rheines wenig von der Aufregung, von der Streitlust und vom Debattenfleiß der Franzosen zu spüren ist. Europa – kein Thema für die Deutschen?

Unter der Oberfläche deutscher Europawilligkeit ist die Lage allerdings etwas komplizierter. Die Spannung zwischen dem großen Euro-Konsens und dem kleinmütigen DM-Nationalismus existiert – aber sie kann sich nicht expressiv entladen. So bekommt die Öffentlichkeit bisher nur zweierlei zu hören: polierte Bekenntnisse von oben – und populistische Ketzereien von unten. Und alles andere als eindeutige Meinungsumfragen: Einen Tag vor der französischen Abstimmung verkündete das ZDF-Politbarometer, 46 Prozent der Deutschen würden für Maastricht votieren, 41 dagegen.

Kurz vor dem französischen Referendum meldete sich dann noch ein eigenartiges Trio zu Wort: der bayerische Umweltminister Peter Gauweiler, der Mann, der die geplante europäische Währung als „Esperanto-Geld“ verhöhnte, Manfred Brunner, der jüngst als Kabinettschef des EG-Kommissars Bangemann gefeuerte Münchner Lokalliberale, und der Berliner Politologe Arnulf Baring, der sich früher noch über den deutschen Größenwahn zu erregen pflegte. Diese drei forderten nun eine deutsche Volksabstimmung über Maastricht. Daß ausgerechnet von rechts jenes Plebiszit gefordert wird, das Konservative sonst scheuen wie der Teufel ihr Weihwasser, ist nur ein weiteres Symbol für den Pseudorealismus der verdrucksten Debatte. Gleichwohl: Dem Politbarometer zufolge würden 77 Prozent der Deutschen ein solches Referendum gut finden. Was aber ist die Ursache dieses Durcheinanders?

Deutschlands Lage ist eben auch hierin sonderlich. Wenn Franzosen und Briten über Europa reden, so tun sie dies als Nationen, die – zumindest dem Anschein nach – von einem unerschütterlichen und historisch gesättigten Selbstbewußtsein geprägt sind. Europa ist für sie politisches Neuland von geringerer Dignität. Die Deutschen, genauer: die Westdeutschen aber haben nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Würde, ihre politische Salonfähigkeit eben via Europa zurückbekommen. Europa war notwendig, um die deutsche Frage in Rand und Band zu halten; aber Europa konnte nur mit den Deutschen gebaut werden.

Die Frage also, ob Deutschland wirklich nach Europa streben will, kann mit Nein schlechterdings nicht beantwortet werden, weil es ohne Europa kein Deutschland gäbe. Der Stoßseufzer einer taz-Kommentatorin, die zwar ein Referendum verlangt, aber nicht jenes wünscht, das im Falle eines Falles zur Entscheidung stünde, mag zwar übertrieben sein und geprägt von der Gnade der späten Geburt. Sie schreibt: „Die Frage an uns Deutsche wird lauten: Sind Sie ein zivilisierter Europäer oder ein kriegslüsterner Nationalist? Diese Frage darf meinethalben das Parlament entscheiden.“ Übertrieben gewiß, aber es ist schon etwas daran. Wir können nicht nachträglich auf die politische Neugründungslogik des Nachkriegs-Deutschtand pfeifen, ohne gewaltige Spannungen zu erzeugen.

Wenn Maastricht am Nein irgendeines der EG-Staaten scheiterte, wäre dies schlimm genug. Sollte das Projekt ausgerechnet am Veto der Bundesrepublik zugrunde gehen, wäre es eine manifeste Katastrophe. Und schon deshalb, weil jedermann dies weiß, wird es bei uns zu keiner brisanten Europa-Debatte kommen.