Frage: In einem Text sagen Sie, Sie hätten die deutsche Universität erst im Augenblick ihres Niedergangs betreten. Gilt diese Diagnose noch? Dauert der Niedergang fort?

Luhmann: Er hat inzwischen die Eigenschaft eines Fortschritts angenommen. Er stagniert auf dem Nullniveau, ohne daß die Zeit zu Ende wäre. Es gibt also nicht „mehr Niedergang“, das würde ich nicht sagen, und auch ich finde rückblickend diese Formulierung übertrieben, um so mehr, als ich auch mit der Ordinarienuniversität meine Schwierigkeiten gehabt hatte und eigentlich den Fehler darin sah, daß etwas nicht sehr Gutes durch etwas Schlechteres ersetzt wurde. Das heißt, man hat die Chance einer Reform verpaßt. Man hätte mit wenigen und klaren rechtlichen Regelungen die Strukturen durchsichtiger machen und die Willkür gewisser professoraler Machtansprüche brechen können.

Auch ist die Gruppenuniversität weniger geeignet, Nachwuchs zu entdecken und zu fördern. Das ist einer der Einwände, die ich immer hatte, daß Nachwuchsförderung eigentlich nicht über Gruppen und über Bewerbungen und über Schriften laufen kann, die man sehr früh publizieren muß, auch wenn sie noch gar nicht fertig sind, damit man ein Schriftenverzeichnis zusammenbekommt, mit dem man dann publik und demokratisch vor die Kommission läuft. Das funktioniert nicht, und es kann auch die personelle Förderung von Nachwuchs nicht ersetzen – die natürlich ein Moment der Willkür, der persönlichen Zuneigung oder des persönlichen Fitting von jüngeren und älteren Mitarbeitern und Kollegen zum Problem werden läßt. Die Personalförderung ist deutlich schlechter geworden, insbesondere, wenn man sich als Personal nicht den agilen jungen Menschen vorstellt, der schnell lernt, gut formuliert, gerne reist und überall sofort ankommt, sondern jemanden, der lange Zeit braucht und der sich selbst immer wieder testet, sich selbst immer wieder in Frage stellt. Wenn man einmal den Prototyp des jungen Mannes nimmt, der früher einmal deutscher Professor wurde, sieht man sofort: Diese Leute kommen nicht mehr durch.

Frage: Für die Bundesrepublik hatten wir ehedem zwei bis fünf Prozent eines Altersjahrgangs in der Universität, während nun die Zahlen deutlich über zwanzig Prozent liegen. Mich würde interessieren, ob Sie eine Möglichkeit sehen, diese Wachstumsprozesse zu begrenzen.

Luhmann: Ich würde genau diejenige Lösung für nicht gut halten, die faktisch gewählt wird, nämlich am Anfang auszuschließen, also Zulassungsbeschränkungen zu haben, und das nicht im Sinne von Qualitätsbeschränkungen, sondern im Sinne von Menschenbeschränkungen, so daß bestimmte Wartezeiten oder bestimmte Entmutigungen durch eine zentrale Regelung des Studienzugangs gesetzt sind. Das war ja ein Ergebnis einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes, und ich hätte es auch an Stelle des Verfassungsgerichtes für viel sinnvoller gehalten, jede Einschränkung abzulehnen und die Universitäten mit Chaos zu konfrontieren, denn nach neueren systemtheoretischen Vorstellungen bietet das Chaos immer gute Möglichkeiten der Selbstorganisation. Man hätte also eine Flut von Studenten auf die Universitäten und auch auf solche Studiengänge, die wegen der Knappheit von Laborplätzen mit begrenzten Zahlen arbeiten müssen, loslassen und dann die entsprechenden Studienordnungen oder auch die Selektionsverfahren schaffen müssen. Die Frage ist also, wo die Selektivität plaziert wird und ob man nicht einen gewissen Auskühlungseffekt des Studiereifers oder auch einfach Qualitätstests und Motivtests natürlich latent in den Studiengang einbauen könnte.

Das scheint mir allerdings nur vertretbar zu sein, wenn diejenigen, die vorzeitig aussteigen, auch dann noch ein Abschlußzeugnis bekommen. Es war eine dieser Ideen, daß man jedem Dropout eine Bestätigung dessen gibt, was er gemacht hat, so daß, wenn ein halbfertiger Jurist sich bei einer Versicherung anstellen läßt, immer noch bescheinigt wird, daß er ziemlich eifrig Privatrecht studiert hat und Steuerrecht belegt hatte und da Klausuren geschrieben hat und so weiter.

Frage: Das ist die Vorstellung, daß die Universität durch chaotisch andrängende Studentenströme überfordert wird und darauf mit neuen Formen der Strukturbildung reagiert. Dann würde man möglicherweise auf diese Bescheinigungen für Drop-outs hin studieren, so daß wir letztlich mit der spontanen Neubildung von Studienwegen zu tun hätten, die es bis dahin nicht gab.